Die zweite Führungsebene – eine anspruchsvolle Sandwichposition

 

Führen zwischen Unternehmensspitze, eigener Managementebene und operativer Realität

 

 

Die zweite Führungsebene wird oft als Sandwichposition beschrieben. Wer dort arbeitet, kennt das Gefühl: Druck von allen Seiten. Und was eher selten ausgesprochen wird: Der Erfolg des Unternehmens hängt maßgeblich davon ab, wie diese Mitte geführt wird.

 

Sandwich heißt hier zunächst: zwischen den Erwartungen der Unternehmensspitze und der berichtenden Führungskräfte und Teams wie auch der eigenen Peers und externen Stakeholder. Sandwich heißt aber auch: zwischen unterschiedlichen Spielregeln und Rationalitäten, die nicht zueinander passen und alle gleichzeitig gelten. Und es heißt: zwischen unterschiedlichen Zeithorizonten – den langen Linien der Strategie und den täglichen Forderungen des operativen Geschäfts.

 

Souveränität in dieser Position bedeutet mehr, als Druck auszuhalten. Sie bedeutet, in all diesen Dimensionen gleichzeitig navigieren zu können – und ohne sich dabei zu verlieren.

 

Wer das tagtäglich erlebt, weiß auch: Es kostet Substanz. Nicht weil es zu viel wäre, sondern weil selten Raum und Zeit bleibt, sich überhaupt zu sortieren.

 

Warum diese Führungsrolle anders ist

 

Auf der zweiten Führungsebene berichten Sie meist direkt an Geschäftsleitung, Vorstand, CEO oder C-Level. Gleichzeitig tragen Sie Verantwortung für größere Bereiche, Funktionen, Regionen, Tochtergesellschaften oder Programme – häufig im gehobenen mittleren Management.

 

Damit verschiebt sich die Führungsaufgabe gegenüber dem, was Sie als Team- oder Abteilungsleitung erlebt haben. Sie tragen eine Strategie mit, von der Sie zugleich oft genauer als andere wissen, wo es in der Praxis haken wird. Sie profilieren Ihren Verantwortungsbereich und sitzen gleichzeitig in einem Managementteam, in dem andere Bereiche um Ressourcen, Aufmerksamkeit und Einfluss konkurrieren. Sie führen, schützen und entwickeln Ihre Teams – und müssen ihnen zugleich Entscheidungen zumuten, die sich nicht immer vollständig erklären lassen.

 

Die zweite Führungsebene ist eine besondere Schlüsselposition, die andere Anforderungen an Führung stellt als die Führungsebenen darüber oder darunter.

 

Warum es weniger um die Hierarchiestufe geht als um die Konstellation

 

Die zweite Führungsebene lässt sich nicht sauber an einer Zeile im Organigramm festmachen. Wer klassisch als Bereichs- oder Abteilungsleiter an die Geschäftsführung berichtet, gehört ebenso dazu wie der Geschäftsführer einer Tochtergesellschaft, der von einer Konzernmutter geführt wird, der Vorstand unter enger Aufsichtsratskontrolle oder die Geschäftsführung unter dem Reporting-Druck eines Private-Equity-Investors. Formal stehen diese Rollen an ganz unterschiedlichen Stellen – der eine mitten in der Hierarchie, der andere an ihrer Spitze. Was sie verbindet, ist nicht der Rang, sondern die Lage: eine bindende Instanz über sich, eine eigene Organisation unter sich und Gegenüber zur Seite, mit denen man zugleich kooperiert und konkurriert.

 

Auch wer ohne formale Weisungsbefugnis führt – in Programm-, Projekt- oder Matrixrollen –, kennt diese Konstellation: verantwortlich für ein Ergebnis, ohne die durchgreifende Macht, es zu erzwingen. Entscheidend für die Anforderungen dieser Position ist deshalb nicht, wie hoch sie im Organigramm sitzt, sondern dass sie an der Schnittstelle steht, an der die Ansprüche von oben, unten und der Seite aufeinandertreffen. Wenn im Folgenden von der zweiten Führungsebene die Rede ist, ist diese strukturelle Lage gemeint – die Sandwichposition in der Mitte der Organisation, unabhängig vom Titel.

 

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Warum es um Navigation in Spannungsfeldern geht

 

Was diese Ebene prägt, sind Spannungsfelder zwischen Polen, die beide ihren Wert haben  – und beide auch ihren Preis. Beispiele dafür sind:

  • Strategie vertreten und operative Wirklichkeit ernst nehmen
  • Loyalität nach oben und eigenständiger Widerspruch
  • Kooperation zur Seite und Vertretung eigener Interessen
  • Nähe zu Teams und Distanz zur nächsten Führungsebene
  • Menschen schützen und ihnen Realität zumuten

Wenige dieser Spannungen lassen sich auflösen. Viele müssen immer wieder neu entschieden werden, manche bleiben unvermeidlich offen. Das ist Teil der Aufgabe, nicht ihr Mangel.

 

Souveränität zeigt sich auf dieser Ebene weniger in einer festen Position zwischen den Polen. Sie bedeutet, sich daran zu orientieren, was die jeweilige Situation verlangt und wie sie es erlaubt.

 

Drei Spielfelder gleichzeitig

 

Wer auf dieser Ebene zwischen den Erwartungen verschiedener Ebenen navigiert, bewegt sich zugleich auf mehreren Spielfeldern. Jedes Spielfeld hat seine eigene Sprache, eigene Erwartungen, eigene Spielregeln.

Die zweite Führungsebene - Sandwichposition zwischen Unternehmensspitze, Teamebene und Peers (Grafik/Bild)

Nach oben: das Spielfeld der Unternehmensspitze

 

Im Topmanagement zählt anderes als auf den Ebenen darunter. Wer sich hier orientieren will, sollte einige Muster kennen, die diese Ebene prägen:

  • Die Bedeutung von Themen entscheidet sich stärker an ihrer Wirkung auf die Außenwahrnehmung des Unternehmens.
  • Gezieltes Beziehungsmanagement und das Verhandeln von Interessen werden wichtiger.
  • Handlungen und Entscheidungen sind häufiger von taktischem Kalkül und mikropolitischen Manövern geprägt.
  • Diplomatisches Durchsetzungsgeschick und emotionale Kompetenz werden wichtiger als fachliche Brillanz.
  • Kommunikation und Feedback werden weniger direkt und weniger eindeutig.
  • Persönliche Loyalität, Statusdenken und „Stallgeruch“ werden bedeutsamer.

Diese Logik mitzudenken, ist eine zentrale Bedingung dafür, auf der zweiten Führungsebene angemessen handeln zu können.

 

Was heißt das für Sie?

Sie müssen Ihre Themen präsent machen, Ressourcen sichern, Erwartungen klären, Optionen entwickeln, Risiken adressieren. Und Sie müssen Position beziehen, wenn Ihre Einschätzung – fachlich, strategisch oder politisch – von der Sicht der Unternehmensspitze abweicht.

Wichtig ist dabei, die Beziehung nach oben nicht aus dem Blick zu verlieren. Die eigentliche Frage dabei ist nicht, wie Sie es ihr recht machen, sondern wie Sie Rückhalt gewinnen, ohne die eigene Urteilskraft preiszugeben.

 


Zur Seite: das Spielfeld Ihrer eigenen Managementebene

 

Auf Ihrer eigenen Ebene treffen unterschiedliche Funktionen, Geschäftsbereiche, Regionen oder Programme aufeinander. Daraus entsteht im besten Fall Zusammenarbeit. In der Praxis entstehen auch Konkurrenz, Prioritätskonflikte, Ressourcenfragen und informelle Aushandlungen.

 

Das ist kein Betriebsunfall. Organisationen sind so gebaut, dass unterschiedliche Bereiche unterschiedliche Rationalitäten vertreten. Vertrieb, Produktion, Controlling, HR, Recht, IT oder Produktentwicklung schauen nicht zufällig verschieden auf dieselbe Frage – sie sollen es.

 

Wer sich auf dieser Ebene zurechtfinden will, braucht andere Stärken als nach oben oder nach unten. Es geht um Verhandlungsfähigkeit und langfristige Beziehungspflege, um das Gespür dafür, wo Allianzen tragen, wer welche Themen besetzt und welche Loyalitäten gerade gelten. Vieles wird auf dieser Ebene nicht in offiziellen Runden entschieden, sondern in informellen Vorklärungen vorbereitet.

 

Hinzu kommt: Möglichkeiten zur Eskalation sind eher selten, weil das Topmanagement oft erwartet, dass Konflikte auf Ihrer Ebene untereinander geregelt werden. Der gemeinsame Handlungsrahmen wiederum ist häufig von abrupten Strategiewechseln, neuen Prioritäten und sich verändernden äußeren Anforderungen geprägt.

 

Eine zweite seitwärtige Linie kommt oft hinzu: Kunden, Partner, Regulatoren oder Aufsichtsgremien. Auch hier sind Sie weder Vorgesetzte noch Mitarbeiter, sondern Gegenüber – mit eigenem Anspruch und eigener Macht.

 

Was heißt das für Sie?

Ihre Aufgabe besteht nicht darin, alle Konflikte harmonisch zu überdecken. Sie bleiben kooperationsfähig und vertreten zugleich Ihre eigene Funktion. Manchmal heißt das zu verhandeln, manchmal heißt es Grenzen setzen, manchmal aushalten, dass ein Konflikt nicht deshalb falsch ist, weil er unbequem ist.

 


Nach unten: das Spielfeld der berichtenden Führungskräfte und Teams

 

Nach unten aus hierarchischer Perspektive geht es um Orientierung, Übersetzung und Führung. Allerdings führen Sie auf der zweiten Ebene meist nicht mehr nur Mitarbeiter, sondern Führungskräfte – und das verschiebt die Aufgabe.

 

Bleiben Sie zu nah an operativen Details, gewinnen Sie Resonanz, Informationen und das Gefühl unmittelbarer Wirksamkeit. Gleichzeitig schwächen Sie die Verantwortung der nächsten Führungsebene.

 

Was heißt das für Sie?

Ihre Aufgabe besteht eher darin, Rahmen zu setzen und Ideen zu fördern, Prioritäten zu klären und Konflikte nicht vorschnell an sich zu ziehen – ohne dabei den Kontakt zu verlieren. Anders gesagt: nah genug bleiben, um nicht die Realität aus den Augen zu verlieren, und fern genug, wo andere führen sollten.

 


Wie sich Führung auf Augenhöhe zwischen Nähe und nötiger Distanz bewegt, vertieft einer der Leadership Impulse.

Spielregeln, die nicht zueinander passen

 

Neben unterschiedlichen Erwartungen treffen auf der zweiten Führungsebene unterschiedliche Spielregeln und Rationalitäten aufeinander, die in sich jeweils stimmig sind, sich aber nicht reibungsfrei kombinieren lassen.

 

Strategische Logik denkt in Marktpositionen, Investitionsentscheidungen und Außenwahrnehmung. Operative Logik denkt in Abläufen, Qualität, Tempo und Belastbarkeit von Teams. Politische Logik denkt in Allianzen, Sichtbarkeit, Einfluss und Schutz der eigenen Funktion. Personalwirtschaftliche Logik denkt in Bindung, Entwicklung, Fluktuation. Compliance-Logik denkt in Regeln und Risiken.

 

Jede dieser Rationalitäten hat ihre Berechtigung. Aber wenn drei oder vier gleichzeitig auf eine Entscheidung wirken, kann es keine Lösung geben, die allen gerecht wird.

 

Wer auf dieser Ebene wirksam ist, weiß: Die eigene Entscheidung wird in unterschiedlichen Logiken unterschiedlich bewertet werden. Souveränität heißt hier, das auszuhalten und trotzdem zu entscheiden.

 

Unterschiedliche Zeithorizonte

 

Die dritte Dimension der Sandwichposition betrifft die Zeit. Sie wird eher selten betrachtet, ist aber ebenso bedeutsam für die zweite Ebene.

 

Nach oben wird in langen Zyklen gedacht. Strategien laufen über Jahre, Investitionen über noch längere Zeit, Marktpositionen über Dekaden. Die Geschäftsleitung denkt in Plänen, die teilweise erst lange nach der eigenen Zeit wirken – und zudem oft anders als geplant.

 

Nach unten ist die Zeit kürzer und konkreter. Teams arbeiten in Wochen- und Sprintlogik. Mitarbeiter erwarten Antworten heute. Konflikte und operative Probleme lassen sich selten vertagen.

 

Zur Seite und nach außen ist das Bild differenziert: Manche Themen sind politisch und brauchen Geduld, manche operativ und brauchen Tempo. Regulatoren haben Fristen, Märkte rhythmische Quartale, Kunden unmittelbare Erwartungen.

 

Die zweite Führungsebene übersetzt zwischen diesen Zeitlogiken. Eine Sache, die strategisch über drei Jahre gedacht ist, muss morgen in einer Teambesprechung als nächster Schritt erscheinen. Ein Konflikt, der heute eskaliert, muss vor dem Vorstand als langfristiges strukturelles Thema gerahmt werden. Eine Quartalszahl muss in operative Maßnahmen übersetzt werden, die in Wochen wirken.

 

Genau das erleben viele Führungskräfte auf dieser Ebene als Druck der Gleichzeitigkeit: jetzt etwas tun, das langfristig tragen muss, mit einem Team, das morgen arbeiten will, vor einem Vorstand, der nächstes Jahr misst.

 

Warum es auf dieser Ebene einsamer werden kann

 

Sich gleichzeitig in mehreren dieser Dimensionen zu bewegen, ist anspruchsvoll genug. Hinzu kommt, dass man diese Anstrengung meist allein trägt. Mit dem Schritt auf die zweite Führungsebene verändert sich auch das soziale Umfeld.

 

Frühere Kollegen sind nun Mitarbeiter. Die Beziehung nach oben ist asymmetrischer, als es von außen scheint. Zur Seite gibt es Austausch, aber selten wirklich neutrale Gesprächspartner. Und nach unten lässt sich nicht alles teilen, was Sie wissen, vermuten oder abwägen.

 

So entsteht eine besondere Form von Einsamkeit: meist nicht persönlich, sondern rollenspezifisch. Man trägt mehr, als man aussprechen kann. Man entscheidet, obwohl nicht alle Informationen stabil sind. Man gibt Orientierung, während man sich ambivalent in Spannungsfeldern erlebt. Und man erzeugt Wirkung, ohne jede eigene Unsicherheit in der Organisation abladen zu können.

 

Was sich manchmal anfühlt wie persönliche Überforderung, ist meist eine strukturelle Eigenschaft der Rolle. Das macht es nicht leichter. Aber es nimmt ihm die Schwere.

 

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Was Leadership Coaching auf dieser Ebene leisten kann

 

Leadership Coaching, Executive Coaching oder Führungskräfte-Coaching auf der zweiten Führungsebene wirkt anders als ein Trainings- oder Toolangebot. Es ist ein vertraulicher Reflexionsraum und ein neutraler Sparringspartner für eine Rolle, in der Entscheidungen, Beziehungen, Konflikte, Machtfragen und persönliche Muster eng miteinander verbunden sind.

 

Manchmal heißt das: gemeinsam eine aktuelle Situation zu sortieren oder eine, die einen lange schon belastet. Manchmal: eine Frage neu zu formulieren, ohne sie schon beantworten zu müssen. Manchmal: einfach laut nachdenken können, wo das sonst nicht möglich ist.

 

Im Kern geht es dabei nicht um die Frage, wie Sie „besser funktionieren“. Es geht darum, wie Sie Ihre anspruchsvolle Rolle klarer, wirksamer und souveräner ausfüllen.

 

Je nachdem, woher der Anlass kommt, verschiebt sich der Schwerpunkt: beim Übergang in eine neue Rolle stehen Erwartungen, Schlüsselpersonen und informelle Spielregeln im Vordergrund. Bei der Weiterentwicklung in einer schon gut ausgefüllten Rolle geht es eher um präzisere Wirksamkeit, lateralen Einfluss und die Weiterentwicklung des eigenen Erfolgsmodus. Unter dem Druck von Krise und Transformation geht es darum, handlungsfähig zu bleiben, ohne in Aktionismus oder Rückzug abzurutschen.

 

Leadership Impulse: Führungsfragen in der Praxis

 

Auf der zweiten Führungsebene begegnen Ihnen Erwartungen oft als Imperative – mehr oder weniger offen ausgesprochen, manchmal auch von Ihnen selbst übernommen. Sätze, die im Alltag schnell gesagt sind:

Solche Imperative sind selten falsch, aber sie greifen fast immer zu kurz – weil sie nur einen Pol der Spannungsfelder beleuchten, in denen man entscheiden muss. Und mit denen ist man auf dieser Ebene oft allein.

 

In den Leadership Impulsen reflektiere ich solche Spannungsfelder und zeige, wie sich zwischen scheinbar gegensätzlichen Polen souverän navigieren lässt.

Sie möchten sich in Ihrer Rolle klarer sortieren?

 

Wer auf der zweiten Führungsebene Verantwortung trägt – oder wer auf dem Weg dahin ist – findet in einem ersten Gespräch oft einen guten Ausgangspunkt. Ein fertiges Coachingziel muss dabei nicht vorliegen. Manchmal ist die erste Aufgabe schon, überhaupt einen geschützten Ort zu finden, an dem die eigene Lage angeschaut werden kann.

 

Denn oft beginnt die Arbeit damit, die eigentliche Frage überhaupt sauber zu fassen: Was gehört zu Ihrer Person? Was zur Rolle? Was erzeugt die Organisation? Und welche Klärung oder Entscheidung steht jetzt an?

 

Kontakt

Dr. Christof Domrös
Managementberatung

Flemingstr. 4

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