Leadership Impulse – Spannungsfelder der zweiten Führungsebene

„Komm mit Lösungen!“ – Beheben oder Ergründen?

 

Es gibt Probleme, die kommen wieder. Man hat sie gelöst, sauber, mit einer Maßnahme, die gegriffen hat. Ein halbes Jahr später treten sie erneut auf, vielleicht in anderer Gestalt. Man löst sie wieder. Und wieder. Irgendwann ahnt man, dass nicht das Problem hartnäckig ist. Etwas legt es immer wieder nach.

 

„Komm mit Lösungen!" fordert das Gegenteil von Beklagen: Bring nicht das Problem, bring den Vorschlag. Der Satz hat sein gutes Recht. Aber er enthält eine unausgesprochene Annahme, nämlich dass jedes Problem beseitigt werden will. Manche nicht. Manches Problem wird von genau den Leuten gebraucht, die es beklagen. 

 

Manche Lösung scheitert nicht, weil sie schlecht ist, sondern weil sie wirkt

 

Ein Team klagt seit Jahren über die chaotische Projektplanung. Endlich wird ein sauberes Planungstool eingeführt, mit Terminen, Abhängigkeiten, klaren Zusagen. Es funktioniert ein paar Wochen. Dann wird still begonnen, es zunehmend zu unterlaufen. Einträge bleiben aus, bis alles wieder so unübersichtlich ist wie zuvor. Kein Protest, niemand entscheidet sich offen dagegen. Es franst einfach wieder aus. Denn solange die Planung chaotisch war, konnte niemand auf eine Zusage festgenagelt werden. Das Chaos war gar nicht das Problem. Es war die Lösung für ein anderes, unausgesprochenes: dass man sich nicht verbindlich machen wollte.

 

Eine Abteilung ist chronisch unterbesetzt und sagt das auch, in jeder Runde. Endlich werden zwei Stellen genehmigt. Nur werden sie nie besetzt. Die Anforderungsprofile werden monatelang umgeschrieben, Kandidaten passen nie ganz, die Suche zieht sich. Auch hier kein böser Wille dahinter. Aber die Unterbesetzung war der unangreifbare Grund, warum bestimmte unbeliebte Aufgaben liegen bleiben durften. „Dafür haben wir keine Leute" ist ein Satz, den niemand bestreitet. Mit voller Mannschaft fiele er weg, und die Aufgaben kämen auf den Tisch. Die Lösung wird nicht gewollt, weil das Problem einen Dienst leistet.

 

In beiden Fällen war die Lösung nicht falsch. Sie war eine Antwort auf das sichtbare Problem, während das eigentliche eine Schicht tiefer lag und unberührt blieb. Deshalb kehrt die alte Lage zurück. Es wurde nicht zu wenig getan; das Getane ging an etwas vorbei, an dem festgehalten werden wollte.

 

Wer so etwas erlebt, sucht den Fehler meist bei sich. Die Lösung war wohl nicht gut genug, das nächste Mal muss man gründlicher, schneller, konsequenter sein. Man nimmt den Misserfolg als Auftrag, sich noch mehr anzustrengen, und legt nach. Dabei liegt es selten an der Güte der Lösung. Es liegt daran, dass sie auf eine Frage antwortet, die gar nicht die entscheidende war. Der Selbstvorwurf hält die Anstrengung auf der Ebene fest, auf der sie ohnehin nichts ausrichtet. 

 

Warum der Ruf nach Lösungen trotzdem berechtigt ist

 

Das ist kein Plädoyer dafür, jedes Problem erst zum Eisberg zu erklären. Der Imperativ hat seinen Grund. Es gibt eine Kultur, in der jeder nur Probleme nach oben meldet und keiner einen Vorschlag wagt, in der das Benennen von Schwierigkeiten zur eigenständigen Tätigkeit wird und die Lösung immer Sache eines anderen bleibt, weiter oben. Gegen diese Zuschiebekultur ist „Komm mit Lösungen!" genau richtig. Er zwingt jeden, die eigene Hälfte des Wegs zu gehen.

 

Und die meisten Probleme des Tages wollen tatsächlich schlicht behoben werden. Wenn ein wichtiger Kunde droht abzuspringen, kontaktiert man ihn und versucht, die Sache zu klären. Dann ist nicht der Moment, die Vertriebslogik zu hinterfragen. Wer bei jedem Alltagsproblem nach seiner verborgenen Funktion gräbt, kommt nie zum Handeln und nennt das dann Gründlichkeit. Und drückt sich vor der nächsten Entscheidung, indem man ihre Voraussetzungen für noch ungeklärt erklärt.

 

Das wiederkehrende Problem ist das Signal

 

Woran erkennt man, welcher Fall vorliegt, der zu behebende oder der, der etwas hält? Nicht die Schwere verrät es. Die Wiederkehr verrät es. Ein Problem, das man löst und das verschwindet, hatte eine Lösung auf seiner Ebene. Ein Problem, das man in Varianten immer wieder löst, dient jemandem, sei es als Vorwand, als Schutz, als Entschuldigung. Das dritte Mal derselben Sache ist keine Aufforderung, schneller zu lösen. Es ist die Frage, wem die Sache nützt, solange sie ungelöst bleibt.

 

Das ist der unbequeme Moment, den der Imperativ überspringt. „Komm mit Lösungen!" belohnt die vorzeigbare Maßnahme, das erledigte Ticket. Es honoriert nicht den, der sagt: Diese Lösung würde nur die vierte Runde derselben Sache einleiten, lasst uns zuerst fragen, wofür das Problem gut ist, ehe wir es wieder wegmachen. Dieser Satz klingt nach Verzögerung, und in einer Kultur, die Tempo belohnt, zahlt der einen Preis, der ihn ausspricht. Genau deshalb ist er selten, und genau deshalb die eigentliche Leistung der zweiten Ebene. Hier, mit Nähe zum Geschehen und genug Reichweite, um an den Verhältnissen zu rühren, entscheidet sich, ob ein Problem verstanden und behoben wird. 

 

 

Zwei Fragen an das wiederkehrende Problem

  • Welches Problem haben Sie in den letzten zwei Jahren mehr als einmal gelöst? Wenn es wieder auftauchte, lag das an schlechter Ausführung, oder daran, dass jemand das Problem als Lösung gebraucht hat, vielleicht ohne es zu wissen?

  • Nehmen Sie eine gut gemeinte Lösung, die seltsam zäh nicht angenommen wird. Was bräuchten die Beteiligten, damit das Problem wirklich verschwände?


„Komm mit Lösungen!" ist ein guter Satz gegen die Kultur, in der jeder nur Probleme nach oben reicht. Er führt in die Irre, wo er verlangt, etwas zu beenden, das gebraucht wird. Ein hartnäckiges Problem ist oft selbst schon eine Lösung, eine Antwort auf etwas, das sonst sichtbar würde. Aber es ist nur eine Lösung, nicht die Lösung. Wer erkennt, wofür ein Problem die Lösung ist, kann eine andere dafür suchen, eine, die nicht jedes halbe Jahr unter neuem Namen wiederkommt. Die Frage ist deshalb nicht, wie schnell man eine Lösung bringt, sondern ob man sieht, welche Lösung das Problem schon selber ist.

 


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Dr. Christof Domrös
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