Leadership Impulse – Spannungsfelder der zweiten Führungsebene

„Lass los!" – Wagnis oder Wachsamkeit?

 

Wann ist Loslassen Vertrauen, und wann ist es Aufgeben von Verantwortung? Die Antwort steht in keinem Rezept – sie hängt ab von der Sache, den Beteiligten, dem Moment. 

 

 

Wann sollten Sie nachfragen, und wann nicht? Die gängige Antwort verweist auf Vertrauen, Eigenverantwortung, das Wachstum des Teams, die Gefahr der Mikro-Steuerung. Das alles ist nicht falsch. Aber es greift zu kurz, weil es eine Beobachtung übergeht, die jede erfahrene Führungskraft an sich selbst kennt.

 

Denn manchmal lassen wir los, weil wir unserem Team etwas zutrauen. Und manchmal lassen wir los, obwohl wir kein Zutrauen haben – weil das Nachfragen ein unangenehmes Gespräch wäre und das Schweigen einfacher ist als das Nachfragen.

 

Diese Fälle sehen von außen identisch aus. Innen sind sie es nicht. Und genau diese innere Unterscheidung ist die wichtige Frage hinter dem Vertrauensthema.

 

Loslassen ist eine Wette, die jede Führungskraft eingeht

 

Loslassen ist eine produktive Wette, die in jeder Organisation gemacht werden muss, nicht nur weil keine Führungskraft alles besser kann sondern auch, weil sie nicht alle Arbeitsergebnisse ihres Bereichs überprüfen kann.

 

Wer einem Mitarbeiter eine Aufgabe überträgt, ohne sie sofort wieder einzufangen, sagt damit, dass er die Person für fähig hält, die Aufgabe zu Ende zu führen. Dieses Signal hat eine wichtige Wirkung darauf, wie der Mitarbeiter sich zur Aufgabe verhält. Denn er bereitet nicht etwas vor, was die Chefin später kontrolliert. Er ist vielmehr derjenige, der etwas verantwortet. Und das ist der Boden, auf dem Eigenständigkeit überhaupt entstehen kann.

 

Wer dagegen jede Aufgabe begleitet, wer prüft, wer hinterherrecherchiert, hat seinem Team kein Misstrauen erwiesen – es geht nicht um Misstrauen. Er hat ihm etwas anderes vorenthalten: die Möglichkeit, die eigene Arbeit als wirklich eigene zu erleben. Ein Bereich, der nach diesem Muster über Jahre läuft, hat irgendwann genau die Mitarbeiter, die zu ihm passen – solche, die mitarbeiten, ohne sich verantwortlich zu fühlen, weil ihre Verantwortung ohnehin am Ende beim Chef landet. Das ist keine Folge schlechter Mitarbeiter. Es ist eine Folge der Art, wie der Bereich geführt wurde.

 

In diesem Sinn ist das Loslassen nicht nur eine moderne Geste, sondern eine ökonomische Notwendigkeit. Es spart Aufmerksamkeit der Führungskraft und erzeugt Verantwortung im Team. Beides braucht der Bereich, um über Zeit zu funktionieren.

 

Wenn Zutrauen vorgeschoben wird

 

Der Punkt, an dem die Rechnung nicht mehr aufgeht, liegt nicht beim Zutrauen selbst. Er liegt dort, wo Zutrauen vorgeschoben wird, um etwas anderes zu vermeiden.

 

Wenn Sie vor einer wichtigen Frist sitzen und Ihr Team „alles im Plan" meldet, haben Sie zwei innere Stimmen. Die erste sagt: Sie haben das Team für genau diese Arbeit eingesetzt, weil es sie kann. Lassen Sie es arbeiten. Die zweite sagt: Sie kennen die Komplexität im Hintergrund, und die Meldung „alles im Plan" passt nicht zu dem, was Sie aus eigener Erfahrung erwarten würden. Diese zweite Stimme sagt: Frag nach.

 

Was Sie in diesem Moment tun, hängt von einer dritten Stimme ab. Sie sagt: Eine Nachfrage wäre jetzt unangenehm. Sie würde wirken, als trauten Sie nicht und eine Diskussion auslösen, die Sie jetzt nicht führen wollen. Denn sie würde Reibungsfläche in einem Verhältnis bedeuten, das gerade gut läuft.

 

Wenn Sie an dieser Stelle nicht nachfragen, kann das aus dem Zutrauen kommen, von dem die erste Stimme spricht. Es kann aber auch aus dem Wunsch kommen, von dem die dritte spricht. Beide Reaktionen führen zur gleichen Handlung, dem Nicht-Nachfragen, und beide klingen von außen wie Vertrauen. Innen sind sie es nicht. Die eine ist Vertrauen. Die andere ist Verweigerung, die sich nur Vertrauen nennt.

 

Diese Unterscheidung ist auf der zweiten Ebene besonders unangenehm, weil die Sprache der Führung heute oft beide Reaktionen mit demselben Wort belohnt. Wer nachfragt, wird schnell zur Kontrollinstanz erklärt. Wer nicht nachfragt, gilt als modern. Das verschiebt die Anreizstruktur in eine Richtung, in der diese Stimme leichter durchkommt – und in der man am Ende des Quartals manchmal einen Schaden erklären muss, dessen Wurzel man bei sich selbst sucht und nicht findet, weil man sich vor Wochen zu einfach hat überzeugen lassen.

 

Wachsamkeit ist die Form, in der das Wagnis verantwortbar bleibt

 

Loslassen ist nur dort eine produktive Wette, wo jemand mitdenkt, was passiert, wenn sie schiefgeht. Wachsamkeit ist nicht das Gegenteil von Loslassen, sondern seine Voraussetzung – die Form, in der eine Führungskraft prüft, ob die Wette gerade noch eine vertretbare ist.

 

Bei kritischen Weichenstellungen mit hohem Schadenspotenzial, bei neuen Mitarbeitern in einer ersten anspruchsvollen Aufgabe, bei sicherheitsrelevanten Vorgängen, in regulatorisch heiklen Themen – unter all diesen Bedingungen ist Wachsamkeit nicht Mikrosteuerung, sondern Notwendigkeit. Eine Nachfrage signalisiert hier nicht Misstrauen, sondern Ernstnehmen. Sie zeigt dem Mitarbeiter, dass die Sache wirklich wichtig ist – und dass er nicht alleingelassen wird, wenn es heikel wird.

 

Es gibt zudem eine Anreizstruktur, die in diese Richtung zieht. In den meisten Organisationen werden Schäden härter zugerechnet als verpasste Chancen. Wer durch zu enge Steuerung eine Initiative im Team gebremst hat, bemerkt das selten. Wer durch zu großzügiges Loslassen einen Schaden zugelassen hat, bekommt das in der nächsten Quartals-Diskussion vorgelegt. Wachsamkeit hat damit nicht nur eine innere Quelle, sondern auch eine äußere: Sie ist die naheliegende Antwort auf eine Anreizstruktur, die das Übersehen härter bestraft als die Übersteuerung.

 

Wie aus Wachsamkeit Mikrosteuerung wird

 

Wer aus dem Schaden klug werden will und beschließt, in Zukunft eben genauer hinzusehen, kommt in eine andere Falle. Auch sie ist nicht primär eine fachliche, sondern eine selbstgestellte Falle.

 

Genaues Hinsehen, das aus echtem Sachinteresse kommt, hat eine bestimmte Qualität. Es fragt punktuell, an den Stellen, wo es zählt, und lässt die übrigen Stellen liegen. Es ist anstrengend, weil es Augenmaß verlangt – die Urteilskraft, was wirklich relevant ist und was nur die eigene Beunruhigung beruhigt.

 

Genaues Hinsehen, das aus der Angst vor dem nächsten Schaden kommt, hat eine andere Qualität. Es fragt überall, weil die Angst nicht zwischen Wichtigem und Unwichtigem unterscheidet. Sie verlangt Bestätigung, dass nirgendwo etwas schiefläuft – und Bestätigung kann sie nur durch ständige Prüfung bekommen. Wer so eine Weile arbeitet, hat ein Team, das vorlegt, statt zu arbeiten, und einen Kalender, der mit Statussitzungen gefüllt ist, in denen meistens nichts Wichtiges gesagt wird, weil alles Wichtige schon vorher abgesichert wurde.

 

Diese Wachsamkeit ist ebenfalls eine Form des Verzichts – nicht auf das Nachfragen, sondern auf das Vertrauen darauf, dass nicht jede Möglichkeit eines Fehlers eine vorbeugende Handlung verlangt. Sie kostet den Bereich genauso viel wie die Verweigerung am anderen Pol. Nur sieht sie wie das Gegenteil aus.

 

Es gibt keinen Stil, der einem die Entscheidung abnimmt

 

Was diese Frage verlangt, ist nicht, einen der beiden konträren Pole zu wählen. Sie verlangt, jeden konkreten Fall daraufhin zu prüfen, was er sachlich braucht – und sich selbst dabei daraufhin zu prüfen, woher der eigene Impuls in diesem Fall gerade kommt.

 

Konkret: Bei einer Routineaufgabe, die das Team seit Jahren macht, ist das Loslassen die richtige Antwort. Eine Nachfrage hätte hier keinen sachlichen Mehrwert, sondern wäre nur eigene Beruhigung. Bei einer kritischen Weichenstellung mit hohem Schadenspotenzial ist Wachsamkeit oft die richtige Antwort. Hier wäre das Loslassen fahrlässig. Die meisten Fälle liegen zwischen diesen beiden Extremen, und in diesen Fällen braucht es eine Beweglichkeit, die in beide Richtungen offen ist – die Bereitschaft, nachzufragen, wenn die Sache es verlangt, und die Bereitschaft, nicht nachzufragen, wenn die Sache es nicht verlangt, auch wenn das eigene Sicherheitsbedürfnis es gerne tun würde.

 

Das ist anspruchsvoller als jeder feste Stil. Eine dauerhafte Festlegung auf das Loslassen erspart das tägliche Entscheiden. Eine dauerhafte Festlegung auf Wachsamkeit erspart dasselbe. Wer den jeweiligen Fall jeweils neu prüft, hat keine Schablone, die ihm die Entscheidung abnimmt. Das ist die anspruchsvollere Form von Führung.

 

 

Drei Stellen, an denen es sichtbar wird

  • Erinnern Sie sich an die letzte Situation, in der Sie nicht nachgefragt haben, obwohl Sie ein leises Unbehagen hatten. Welche der Stimmen war damals stärker – die, die es dem Team zutraute, oder die, die ein unangenehmes Gespräch vermeiden wollte? Die Antwort ist meistens unbequem, weil beide Stimmen ähnlich klingen, wenn man sie nicht ehrlich auseinanderhält.

  • Schauen Sie auf Ihren letzten Monat. Bei welchen Themen haben Sie häufiger nachgefragt, als es sachlich nötig war – und wo lag der Grund? In der Komplexität der Aufgabe, oder in einer Beunruhigung, die mit der Aufgabe selbst weniger zu tun hatte als mit Ihrer Erfahrung aus einem früheren Schaden, der sich gerade nicht wiederholen sollte?

  • Wenn Sie eine Liste der Mitarbeiter Ihres Bereichs vor sich legen, wem trauen Sie tatsächlich am meisten zu, und wem am wenigsten? Und bei dem, dem Sie am wenigsten zutrauen: Wann hatte er zuletzt eine Aufgabe, an der sich das Zutrauen überhaupt hätte ändern können?


Vertrauen, das jeden Tag neu entschieden wird, ist anspruchsvoller als das einmal erklärte. Wer es so führt, merkt nach einer Weile etwas Unerwartetes: Das Entscheiden wird nicht zermürbender, sondern ruhiger. Nicht weil die dritte Stimme verstummt, sondern weil man aufhört, sie für die eigene zu halten. 

 


Kontakt

Dr. Christof Domrös
Managementberatung

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