Mitarbeiter spüren, wenn ihnen etwas vorenthalten wird – das ist der eine Teil der Wahrheit. Mitarbeiter können mit unsortierter Information nicht arbeiten – das ist der andere. Welcher der beiden Teile in einem konkreten Fall mehr Gewicht hat, lässt sich nicht aus einem Führungsleitbild ableiten. Es verlangt eine Entscheidung, die nicht delegiert werden kann.
Donnerstagnachmittag, Strategiesitzung. Der Vorstand diskutiert ein Szenario: eine mögliche Zusammenlegung zweier Bereiche, eine denkbare Veränderung von Prioritäten, ein Was-wäre-wenn mit zwanzig Prozent Wahrscheinlichkeit. Nichts ist entschieden. Die Sitzung endet.
Am nächsten Morgen im Bereichsmeeting steht eine Frage im Raum, die nicht offen ausgesprochen wird, aber in jedem Gesicht zu lesen ist: Was war denn gestern im Vorstand? Sie haben zwei Möglichkeiten. Sie können sagen, es sei nichts Besonderes gewesen – und damit ein Gefühl bestätigen, dass Sie zu den Eingeweihten gehören, die nicht alles teilen. Oder Sie können sagen, was tatsächlich besprochen wurde – und sich fair und ehrlich fühlen. Sie wählen die zweite Variante. „Ich bin ganz offen zu euch: Es gibt da Überlegungen, mit Bereich X zu fusionieren. Aber bitte keine Panik, es ist nur eine Idee."
Was Sie an diesem Morgen getan haben, fühlt sich wie Transparenz an. Was Sie am Nachmittag feststellen, sieht anders aus. Sie merken, dass die Stimmung im Bereich bis zum Abend gekippt ist, ohne dass etwas davon der Information selbst gegolten hätte. Und Sie fragen sich, ob Sie etwas falsch gemacht haben, obwohl Sie nur ehrlich sein wollten.
Der Impuls zur Offenheit ist nicht naiv, und er ist nichts, was man einfach als eine Mode abtun sollte.
Mitarbeiter spüren, wenn ihnen Information vorenthalten wird, wenn auch nicht immer bewusst. Wenn in einer Abteilung über Monate die Chefin mit halbem Satz aus dem Vorstandsmeeting kommt und auf Nachfragen ausweicht, entsteht ein Klima, in dem die Leute anfangen, selbst zu deuten – meist in eine Richtung, die schlechter ist als die Wirklichkeit. Die Rechnung „Was ich nicht erfahre, muss schlecht sein" liegt nahe. Sie ist nicht richtig, aber sie ist verständlich, und sie ist stabil, weil die Geheimnistuerei ihr jeden Tag neue Nahrung gibt.
In einer solchen Atmosphäre ist der Impuls, offener zu werden, sachlich begründet. Wer seinem Team zeigt, dass er Informationen, die er teilen kann, teilt, baut Vertrauen auf, die durch Anreize nicht ersetzbar ist. Und das ist eine der Grundlagen dafür, dass Menschen in einem Bereich sich verantwortlich engagieren.
Wer überall ganz offen sein will, sucht oft auch Anschluss – will dazugehören, will nicht der Distanzierte sein, will die Asymmetrie der Position nicht spüren müssen. Auch das ist legitim, solange es bewusst bleibt. Zur Aufgabe der Position gehört aber, dass nicht alles, was man weiß, mit allen geteilt werden sollte.
Wer der Offenheit grundsätzlich misstraut, hat vermutlich in Organisationen gearbeitet, in denen das Wort als Deckmantel für Gedankenlosigkeit verwendet wurde. Das ist eine reale Erfahrung, aber sie rechtfertigt nicht, den Impuls selbst abzutun.
Kritisch wird es bei der Frage, was mit der Information geschehen soll, nachdem sie geteilt wurde.
Organisationen arbeiten nicht mit Information im Rohzustand. Sie arbeiten mit Information, die jemand verstanden, eingeordnet und gewichtet hat. Ein Szenario mit zwanzig Prozent Wahrscheinlichkeit ist für den Vorstand ein Rechenspiel, eines von mehreren Gedankenexperimenten, die in einer Strategiesitzung durchgespielt werden. Für die Mitarbeiter desselben Szenarios ist es keine Wahrscheinlichkeit, sondern eine Möglichkeit – und Möglichkeiten werden in Unsicherheit meist eher gefürchtet als abgewogen. Wer die Information ungefiltert durchreicht, übersieht diesen Bedeutungsunterschied. Was beim Vorstand ein Nachdenken war, wird im Bereich eine Bedrohung, und zwar ohne, dass irgendjemand etwas Unehrliches getan hätte.
Das ist die Stelle, an der das Teilen nicht mehr Transparenz ist, sondern etwas anderes. Man könnte es Verantwortungsweitergabe nennen. Die Führungskraft hat die Information, und mit ihr die Last, sie zu deuten. Indem sie die Information ungefiltert weitergibt, gibt sie auch die Deutungslast an Mitarbeiter weiter, die weder die Zeit noch den Kontext haben, um sie zu bewältigen. Das ist keine Offenheit. Es ist eine Bequemlichkeit, die sich als Offenheit verkleidet.
Das ist besonders heikel, weil die Bequemlichkeit oft nicht bewusst ist. Die Führungskraft, die im Bereichsmeeting vom Szenario erzählt, fühlt sich ehrlich. Sie fühlt sich nicht bequem. Aber was sie nicht getan hat, ist die Arbeit, die zwischen dem Hören der Information und dem Weitergeben liegen müsste: Sie zu verstehen, zu gewichten, in den Kontext des Bereichs einzuordnen, zu entscheiden, welcher Teil relevant ist und welcher nicht. Diese Arbeit ist anstrengend. Sie verlangt Urteil, nicht nur Weitergabe. Und genau deshalb wird sie manchmal übersprungen.
Eine besondere Form der unsauberen Offenheit ist das vertrauliche Gespräch mit einem einzelnen Mitarbeiter. „Ich sage dir das jetzt mal im Vertrauen, aber bitte behalt es für dich." Dieser Satz wirkt wie eine Auszeichnung für den Empfänger. Er ist es nicht. Er ist eine Last.
Was die Führungskraft in diesem Moment tut, ist eine Verlagerung: Sie nimmt die Belastung der Verschwiegenheit von sich und gibt sie einem Mitarbeiter. Dieser muss jetzt wissen, was er seinen Kollegen nicht erzählen darf, und er muss bei jedem Gespräch im Kollegenkreis darauf achten, sich nicht zu verraten. Manche Mitarbeiter sehen das als eine Ehrung an. Für viele ist es ein Loyalitätskonflikt, den sie nicht gewählt haben. Sie tragen etwas, das ihnen nicht gehört, und sie können es niemandem weitergeben, jedenfalls sollen sie es nicht.
Diese Verlagerung ist subtil, weil sie nach Nähe aussieht. Die scheinbare Nähe ist eine Entlastung auf Kosten Dritter. Was an dieser Stelle gefordert ist, ist, das Nicht-Wissen-Dürfen und das Nicht-Sagen-Dürfen selbst zu tragen, auch wenn es belastet – und nicht in Einzelgespräche zu kippen, die später niemand wirklich geholfen haben, aber dem eigenen Einsamkeitsgefühl in der Zwischenzeit Gesellschaft leisteten.
Was auf der zweiten Ebene tatsächlich gebraucht wird, ist weder die Doktrin der totalen Offenheit noch das Prinzip des vorsorglichen Schweigens. Es ist eine laufende Reflexion: Welche Information dient meinem Bereich, wenn sie jetzt geteilt wird, und welche dient ihm, wenn sie erst später oder gar nicht geteilt wird?
Wichtig ist die Unterscheidung zur Geheimnistuerei. Auswahl ist nicht das Vorenthalten von Information, um Macht zu behalten oder Mitarbeiter klein zu halten. Wer das tut, hat denselben Reflex wie die schnelle Weitergabe – nur in entgegengesetzter Richtung. Beides erspart die Urteilsleistung, die zur Position gehört. Selektion ist nicht Geheimnistuerei. Sie ist die Frage, was zu welchem Zeitpunkt in welcher Form für den Bereich sinnvoll und tragbar ist.
Diese Frage ist fast nie eindeutig. Sie verlangt eine Prüfung und Selektion an mehreren Stellen. Ist die Information gesichert, oder ist sie ein Gedankenspiel? Hat der Bereich die Fähigkeit, mit ihr umzugehen? Und worum geht es eigentlich, wenn sie geteilt werden soll – um die Sache, oder um die eigene Last, die man nicht alleine tragen will?
Wer sich diese Fragen vor jeder Weitergabe stellt, wird nicht automatisch zurückhaltender. Er wird nur bewusster. Manchmal wird er mehr teilen als vorher, weil er merkt, dass der Bereich die Information gut einordnen kann. Manchmal wird er weniger teilen, weil er merkt, dass das, was er teilen möchte, den Bereich mehr belastet als trägt. In beiden Fällen hat er die Auswahl verantwortet, die zur Führung gehört.
Wer zwischen Auswählen und Verbergen klug unterscheiden kann, leistet eine der unsichtbareren Führungsarbeiten. Sie wird selten kommentiert, weil sie meistens dann gelingt, wenn niemand sie bemerkt.