Leadership Impulse – Spannungsfelder der zweiten Führungsebene

„Mach es nicht so kompliziert!" – Reduktion oder Differenzierung?

 

Eine Folie auf drei Punkten reduziert bringt ein Gremium zur Entscheidung. Ein differenzierter Bericht bringt es zum Nachdenken. Die zweite Ebene braucht beides. Und die Wahl, welches von beiden man gerade liefert, folgt selten nur der Sache.

 

 

Vorstände sagen es so, manchmal sagen es auch die eigenen Mitarbeiter, wenn sie nach vierzig Minuten Herleitung, vielen Folien und vielen Einschränkungen fragen: „Was wollen Sie jetzt eigentlich?“ In verschiedenen Varianten lautet die Rückmeldung gleich: Kommen Sie zum Punkt. Sagen Sie mir, was Sie empfehlen.

 

Die Rückmeldung ist meistens berechtigt. Sie ist ebenso meistens unvollständig. Denn sie bezieht sich auf das Symptom, ohne nach dem Grund zu fragen, warum jemand, der seine Themen kennt und seit Jahren auf dieser Ebene arbeitet, auf Folie eins nicht sagt, was er empfiehlt.

 

Vereinfachung braucht Führung

 

Ein Vorstand, der pro Woche zig Themen auf dem Tisch hat, kann keines davon in seiner vollen Komplexität aufnehmen. Er braucht eine pointierte Einschätzung, die klar genug ist, um ihr folgen oder widersprechen zu können. Wer ihm stattdessen eine detaillierte Problemanalyse liefert, delegiert die Einschätzung nach oben. Das kostet Zeit, die der Vorstand nicht hat, und es verschiebt die Verantwortung dorthin, wo sie nicht hingehört.

 

Wer das nicht kann oder will, wird zum Engpass. Seine Themen bleiben liegen, weil sie zu aufwendig sind, um entschieden zu werden. Seine Vorlagen werden mit der Bitte um Deutlichkeit zurückgeschickt. Er selbst verbringt Stunden damit, Präsentationen zu bauen, die am Ende niemand bis zur letzten Folie liest. Das ist nicht die Schuld des Vorstands. Es ist eine Funktion der Position: Wer zuarbeitet, muss so weit reduzieren, dass der Empfänger mit der Essenz arbeiten kann.

 

Die Verantwortung, die mit der Reduktion einhergeht, ist erheblich. Wer eine Empfehlung auf zehn Sätze zusammenstreicht, entscheidet, was der Empfänger sieht und was nicht. Er trifft eine Vorauswahl, die sich später kaum noch korrigieren lässt. Denn auf Folie drei steht, was im Gedächtnis des Vorstands bleiben wird, und nicht das, was auf Folie zwölf in einer Fußnote vermerkt war.

 

Es gibt Konstellationen, in denen Vereinfachung nicht eine von mehreren Optionen ist. In Krisensituationen unter Zeitdruck, bei der Kommunikation an die Belegschaft, in Pressestatements, bei Vorstandsentscheidungen, die in fünfzehn Minuten fallen müssen, wäre Differenzierung das Gegenteil von Führung. Sie würde lähmen, wo Wirkung gefragt ist. Dann ist die Reduktion auf den Kern keine Stilfrage, sondern eine sachliche Notwendigkeit.

 

Vereinfachung hat eine Schattenseite

 

Die Reduktion hat noch eine zweite Seite, eine eigene innere Belohnung. Wer pointiert zum Fazit kommt, wird im Gremium nicht nur als kompetent wahrgenommen, sondern als Macher, der liefert. Im Diskurs gilt der knappe Vorschlag als Zeichen von Seniorität; wer differenziert, gerät schnell in den Verdacht des Zauderns. Und es kann eine Gewohnheit stützen, die bei der nächsten Vorlage schon vor der Sachprüfung aktiv ist: Die Frage „Wie lautet meine Drei-Punkte-Version?“ steht dann nicht am Ende der Analyse, sondern an ihrem Anfang.

 

So kippt Reduktion leicht in Selbstinszenierung. Der klare Punkt fühlt sich gut genug an, um ihn zu wiederholen, auch wenn die Analyse mehr verlangt hätte. Daraus wird mit der Zeit eine intellektuelle Bequemlichkeit, weil Differenzieren anstrengend ist und Reduzieren schneller. Was schnell ist, hat in Sitzungen einen Vorsprung; was gründlich ist, mehr Aufwand.

 

Pointierung ist immer auch eine Setzung: Wer klar empfiehlt, schließt Optionen aus, die im differenzierten Bild noch sichtbar gewesen wären.

 

Wo Differenzierung trägt

 

Es gibt Konstellationen, in denen Differenzierung die einzig verantwortbare Form ist. Bei Risikoanalysen vor großen Investitionen, bei rechtlich heiklen Vorgängen, bei fachlich komplexen Entscheidungen mit hoher Tragweite wäre Reduktion Verschleierung. Eine zu glatte Empfehlung würde das Problem verfehlen. Wer hier unterscheidet, ist nicht kompliziert. Er ist gewissenhaft.

 

Diese Gewissenhaftigkeit ist keine Schwäche. Sie schützt die Entscheidung davor, besser auszusehen, als sie ist. Sie hält sichtbar, welche Randbedingungen gelten, welche Risiken nicht verschwinden und welche Gegenargumente nicht erledigt sind, nur weil sie auf der Hauptfolie keinen Platz haben. Wer differenziert, kann also genau das leisten, was Vereinfachung manchmal nicht leisten kann: den Preis einer Empfehlung zeigen. 

 

Wenn die Vorlage zum Schutzschild wird

 

Differenzierung als Schutzschild ist etwas anderes als Gewissenhaftigkeit, auch wenn beides identisch aussehen kann. Auf der zweiten Ebene ist man sichtbar genug, um für Fehler verantwortlich gemacht zu werden, und nicht sichtbar genug, um die Entscheidung allein zu tragen. Das erzeugt einen Anreiz zur Absicherung, nicht gegen die Aufgabe, sondern gegen den Vorwurf, sie falsch eingeschätzt zu haben.

 

Dann entstehen detaillierte Vorlagen, die so von Vorbehalten umstellt sind, dass sie sich bei Gegenwind sofort zurücknehmen lassen. Wer alles gezeigt hat, kann hinterher nicht beschuldigt werden, etwas übersehen zu haben; wer drei Szenarien nebeneinanderstellt, muss sich für keines verantworten; wer die Risiken auf Seite fünfundvierzig benennt, kann nach dem Scheitern darauf verweisen. Die Arbeit, die in solchen Vorlagen steckt, dient nicht der Entscheidung. Sie dient der Absicherung des Erstellers.

 

Der Reflex zur Unangreifbarkeit entsteht nicht nur aus persönlicher Vorsicht. Organisationen legen ihn nahe. Wer erlebt hat, dass Empfehlungen nachträglich vor allem daraufhin geprüft werden, wer etwas hätte wissen müssen, lernt, sich abzusichern.

 

Zudem wurde Differenzierung in Ausbildung, Studium und den ersten Berufsjahren oft belohnt. Wer den Sachverhalt vollständig kannte, gewann. Wer sich zu früh festlegte, verlor an Glaubwürdigkeit oder Sicherheit. Diese Lernerfahrung war lange funktional. Auf der zweiten Ebene wird sie zur Last, weil dort nicht Vollständigkeit zählt, sondern verantwortete Festlegung.

 

Die innere Mechanik ist subtiler als nur Angst. Wer die fünfundvierzig Folien fertigstellt, hat ein Gefühl von Sicherheit, das in der Erstellung selbst liegt. Solange man noch weiter detailliert, hat man die Sache im Griff. Erst das Vorlegen setzt einen der Bewertung aus. Detaillieren ist sicher, vorlegen ist riskant. Manche Manöver der Differenzierung sind eine elaborierte Form der Verzögerung.

 

Was die Reaktion auf Nachfrage zeigt

 

Die eigentliche Frage ist also nicht, ob man reduzieren oder differenzieren soll. Die Frage ist, woher der jeweilige Impuls kommt. Und das zeigt sich nicht in der Vorlage, sondern in der ersten Reaktion auf eine Nachfrage.

 

Wer aus der Klarheit über die Sache reduziert hat, kann auf Nachfrage sofort sagen, was hinter dem knappen Punkt steht. Er hat den Sachverhalt durchdekliniert und hinter sich gelassen; die Komplexität ist nicht weg, sie steht nur nicht in der Vorlage. Wer den Punkt gesetzt hat, ohne die Sache durchdrungen zu haben, muss auf Nachfrage ausweichen.

 

Beim Differenzieren liegt es genauso, nur umgekehrt. Wer aus Gewissenhaftigkeit differenziert hat, kann auf Nachfrage sagen, warum: Er brauchte die Unterscheidung der Sache wegen. Kommt sie dagegen aus Absicherung, zeigt sich das im Ausweichen. Dann diente die Differenzierung nie dazu, zu einer Einschätzung zu kommen, sondern dazu, keine abgeben zu müssen.

 

Die Nachfrage ist deshalb der Test, den keine noch so sorgfältig gebaute Vorlage besteht, wenn sie nicht der Sache diente. 

 

Drei Stellen, an denen man es an sich beobachten kann

  • Denken Sie an Ihre letzte Vorlage, die länger war als nötig. Was haben Sie nicht gestrichen, obwohl Sie wussten, dass es den Vorstand nicht interessieren würde? Und wäre sie auch dann so lang gewesen, wenn Ihr Name nicht auf der Vorlage gestanden hätte?
  • Wenn der Vorstand Sie morgen fragen würde: „Was empfehlen Sie – in einem Satz?“, hätten Sie den Satz sofort? Wenn ja, warum steht er nicht auf Folie eins? Wenn nein: Liegt das daran, dass die Frage noch nicht klar genug ist? Oder liegt es daran, dass der Satz, den Sie hätten, Sie angreifbar machen würde?
  • Wann haben Sie zuletzt etwas reduziert, von dem Sie wussten, dass es eigentlich mehr Details gebraucht hätte? Wie haben Sie sich das vor sich selbst erklärt? Und welche dieser Erklärungen würde noch tragen, wenn Sie sie in der nächsten Vorstandssitzung aussprechen würden?

 

 

Zu reduzieren und zugleich zu wissen, was durch die Reduktion aus dem Blick gerät – das ist eine Doppelarbeit dieser Ebene. Sie verschwindet nicht, wenn man sie beherrscht; sie wird nur unterscheidbar von einer Länge, die nichts klärt, aber den Verfasser absichert. Wer beides auseinanderhält, kürzt nicht mutiger, aber genauer.

 


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Dr. Christof Domrös
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