Leadership Impulse – Spannungsfelder der zweiten Führungsebene

„Verlass dich auf deine Erfahrung!" – Urteil oder Unterscheidung?

 

Die schnelle Einordnung gilt als Kompetenz. Wer auf der zweiten Ebene erst noch nachfragt, woran es liegen könnte, wirkt schnell, als fehle ihm der Überblick.

 

 

Eine Vorlage stockt, das Team kommt nicht voran, und Sie wissen sofort, woran es liegt. Sie sagen es im Meeting, und die Runde nickt: So jemand kennt seinen Bereich. Hätten Sie stattdessen gesagt, Sie müssten sich das erst genauer ansehen, wäre derselbe Satz als Zaudern gelesen worden. Die Organisation belohnt das geübte Urteil jeden Tag und liest das Innehalten als Schwäche. Genau deshalb bleibt der eine Fall unsichtbar, in dem das schnelle Urteil danebenliegt. Erfahrung liefert nämlich nicht einfach die Antwort. Sie entscheidet vorher, worum es überhaupt geht, und das fällt schwerer auf als ein falsches Ergebnis.

 

Wer viele Jahre lang Rückstände erfolgreich über engere Terminsetzung aufgeholt hat, sieht im stockenden Team ein Steuerungsproblem, bevor er die erste Zahl gelesen hat. Ein anderer, mit anderer Geschichte, sieht im selben Team ein Kompetenzproblem, ein dritter ein Motivationsproblem. Keiner rechnet falsch. Jeder sieht, was seine Erfahrung ihn zu sehen gelehrt hat, und leicht bleibt unbemerkt, dass es nur eine von mehreren möglichen Sichten ist.

 

Der erfahrene Blick ist schnell, weil er weniger zulässt

 

Das ist gemeint, wenn man sagt, jemand habe einen erfahrenen Blick: nicht, dass er mehr Möglichkeiten prüft, sondern dass er weniger prüfen muss. Erfahrung ist die Sammlung von Unterscheidungen, mit der jemand eine Situation sortiert, ehe er über sie urteilt. Sie schließt die meisten Lesarten aus, bevor sie überhaupt geprüft werden, und lässt nur die wenigen übrig, die sich erfahrungsgemäß lohnen.

 

Genau das macht das Urteil schnell. Eine Führungskraft, die jede Situation ansehen würde, als sähe sie sie zum ersten Mal, käme nie zur Entscheidung; während sie noch jede Lesart durchspielte, liefe die Sache weiter. Dass das geübte Urteil viele unwahrscheinliche Lesarten gar nicht erst in Betracht zieht, ist deshalb kein Mangel. Es ist das, wofür man auf der zweiten Ebene da ist.

 

Was die Erfahrung zuverlässig sieht, lässt sie zuverlässig anderes übersehen

 

Wo das Verengen des Feldes eine schnelle Beurteilung möglich macht, sorgt es gleichzeitig dafür, dass ein Fall durchs Raster fällt, der zwar so aussieht wie die vertrauten, aber doch ein anderer ist. Das ist der Preis der Schnelligkeit.

 

Nehmen Sie den Fall, den Sie zu kennen glauben. Das Team hängt, Sie ziehen die Terminierung an, so wie es immer geholfen hat. War es wirklich ein Steuerungsproblem, löst sich die Sache, und Sie haben einmal mehr recht behalten. War es in Wahrheit ein Motivationsproblem, takten Sie die Termine trotzdem enger, denn etwas anderes sieht Ihre Erfahrung gar nicht vor. Die Lage wird schlechter. Und Sie lesen die ausbleibende Besserung nicht als Hinweis, dass Sie falsch lagen, sondern als Beleg, dass Sie noch strenger nachhalten müssen. Gerade in dem Moment, in dem Sie sich am sichersten fühlen, können Sie am weitesten weg sein.

 

Das ist das Vertrackte daran: Es fühlt sich von innen nicht nach Irrtum an, sondern nach Konsequenz. Die Erfahrung hält für jeden Ausgang eine Erklärung bereit, auch für den, in dem sie irrt, und so liefert das Scheitern keinen Anlass, an ihr zu zweifeln. Je verlässlicher jemand über Jahre richtig lag, desto sicherer übersieht er den Tag, an dem es anders ist. Stärke und blinder Fleck sind hier nicht zweierlei; sie sind ein und dasselbe.

 

Daraus folgt nicht, dass man der eigenen Erfahrung misstrauen und jede Situation von vorn aufrollen sollte. Wer aus Prinzip alles offenhält, weil ja jede Erfahrung verengt, kommt zu keinem Urteil mehr und nennt das dann Bescheidenheit. Und ebenso wenig hilft das Gegenteil, sich für den zu halten, der seine Erfahrung ohnehin zu hinterfragen weiß. Gerade dieses Zutrauen, den eigenen blinden Fleck im Griff zu haben, ist der feinste blinde Fleck. Wer sicher ist, nicht betroffen zu sein, hat sich schon der einzigen Sicht entzogen, die ihn korrigieren könnte. 

 

Die eigene Grenze zeigt einem nur jemand mit anderer Perspektive

 

Die brauchbare Frage ist deshalb nicht, ob man der Erfahrung trauen soll. Sie lautet, woher eine Korrektur kommen kann, wenn die Erfahrung sie aus sich selbst nicht liefert. Von innen kommt sie jedenfalls nicht zuverlässig; jeder Versuch, den eigenen blinden Fleck zu durchschauen, läuft durch genau den Filter, der ihn erzeugt. Was die Verengung aufbricht, kommt von außen: der Widerspruch von jemandem, dessen Erfahrung anders geformt ist und der den Fall deshalb anders einordnet. Nicht der bestätigende Zuruf des Kollegen, der dieselbe Laufbahn hinter sich hat und die eigene Sicht nur verstärkt, sondern jemand, der das Steuerungsproblem hartnäckig für ein Motivationsproblem hält. Dessen Sicht muss nicht recht haben. Sie muss nur die eigene hinterfragen, bevor die Entscheidung fällt.

 

Es heißt also nicht, wachsamer zu sein; das wäre wieder ein Appell an dieselbe Wahrnehmung, die verengt. Es heißt, produktiven Widerspruch zu organisieren, bevor die eigene Erfahrung den Fall endgültig schließt. Das kostet mehr, als es in der Theorie klingt. Stellen Sie sich vor, Sie machen in einer Runde, die Ihre Einordnung längst angenommen hat, genau diese Einordnung noch einmal auf. Sie sehen, wie die Gesichter kurz stutzen, weil die Sache doch klar schien. Sie stehen für eine Weile als jemand da, der sich seiner Sache nicht mehr sicher ist, und Sie wissen nicht einmal, ob der Widerspruch, den Sie da hereinholen, am Ende recht behält. Diese Sekunden auszuhalten ist der eigentliche Preis, und er lässt sich nicht in eine Routine wegsortieren.

 

Wer jedoch vor jeder Entscheidung erst noch die Gegenperspektive sucht, kann sich hinter Irritation genauso verstecken wie andere hinter Erfahrung. Widerspruch ist kein Selbstzweck. Er trägt dort, wo die eigene Erfahrung den Fall zu schnell geschlossen hat. Er lähmt dort, wo er nur die Entscheidung vertagt.

 

 

Drei Fragen

  • Wen in Ihrem Umfeld erleben Sie regelmäßig als anstrengend, weil er die Dinge hartnäckig anders einordnet als Sie, und an welcher Stelle Ihrer letzten größeren Entscheidung haben Sie ihn gehört, bevor sie fiel?
  • Bei welcher wiederkehrenden Lage wissen Sie besonders schnell, worum es geht — und was wäre die zweitplausible Erklärung, die Sie meistens nicht prüfen?
  • Wo holen Sie Widerspruch ein, weil er die Sache klärt — und wo holen Sie ihn ein, weil er die Entscheidung vertagt?

 

 

„Verlass dich auf deine Erfahrung!" ist in den meisten Lagen der richtige Rat, weil das geübte Urteil schneller und sicherer trifft als das ständige Von-vorn-Beginnen. Es führt dort in die Irre, wo die Erfahrung nicht nur die Antwort vorgibt, sondern schon die Frage, und damit verdeckt, dass der Fall diesmal ein anderer sein könnte. Die eigene Grenze sieht man von innen nicht zuverlässig; dafür braucht man die Sicht von außen.

 


Kontakt

Dr. Christof Domrös
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