An einem Prinzip festzuhalten, schafft Glaubwürdigkeit. In einer konkreten Situation nicht an ihm festzuhalten, schafft Beweglichkeit. Beide Wege sind legitim, und keiner der beiden lässt sich konsequent gehen, ohne irgendwo etwas liegen zu lassen.
In harten Diskussionen gibt es manchmal einen Moment, der nicht protokolliert wird, den aber jeder erfahrene Teilnehmer kennt. Die Interessen prallen aufeinander, die Situation scheint festgefahren, und plötzlich fällt der Satz: „Das kann ich mit meinen Werten nicht vereinbaren." Schlagartig ändert sich die Logik des Gesprächs. Die Aufmerksamkeit verschiebt sich von der Sache auf die Person. Und alle im Raum wissen, dass die Verhandlung jetzt nicht mehr entschieden wird, sondern vertagt.
Wer auf der zweiten Führungsebene lange genug gesessen hat, hat diesen Satz andere sagen hören, und er hat ihn vielleicht auch selbst gesagt. Und in beiden Fällen hat er gemerkt, dass die Grenze zwischen einer echten Wertentscheidung und einem strategisch nützlichen Rückzug auf Prinzipien oft nicht so klar ist, wie es in dem Moment aussieht.
Werte sind keine Dekoration. Sie sind die Linie, die eine Organisation davor bewahrt, in reine Nützlichkeitserwägungen zu erodieren. Ohne eine verbindliche Grenze – eine Linie, hinter die man auch bei besten Argumenten nicht zurückgeht – wäre jedes Verhalten verhandelbar.
Wer in Organisationen gearbeitet hat, in denen diese Grenze verloren gegangen ist, kennt das Klima. Es gibt selten die bewusste Verletzung substantieller Werte – und doch entsteht über die Zeit eine Kultur, die niemand absichtlich wollte. Gegen diese Tendenz halten Werte. Und sie halten sie nur auf, weil einzelne Personen in einzelnen Situationen sich auf sie berufen, manchmal gegen erheblichen Druck.
Die Führungskraft, die in einer solchen Lage eine bestimmte Entscheidung nicht mitträgt, ist kein Blockierer. Sie macht eine Arbeit, die sonst keiner macht. Diese Arbeit ist manchmal unbequem und karrierewirksam in die falsche Richtung. Wer sie tut, verdient nicht die Herablassung, mit der eine Berufung auf Werte manchmal pauschal behandelt wird.
Kritisch wird es dort, wo man nicht mehr unterscheiden kann, ob jemand einen Wert verteidigt oder sich hinter ihm versteckt. Werte haben eine Eigenschaft, die sie in Konflikten besonders folgenreich macht: Sie sind nicht verhandelbar. Während Interessen quantitativ funktionieren – mehr Budget, weniger Personal, andere Fristen –, funktionieren Werte binär: dafür oder dagegen, vereinbar oder nicht. Sobald eine Diskussion auf die Werteebene gehoben wird, verliert sie ihre Verhandlungsstruktur. Man diskutiert nicht mehr, ob zehn oder zwanzig Prozent, sondern ob das Ganze überhaupt akzeptabel ist. Das stoppt den Prozess.
Manchmal ist genau dieser Stopp das Richtige. Manchmal ist er jedoch etwas anderes. Wer als Führungskraft vor einer schwierigen Abwägung steht – einer, bei der jede Option Kosten hat, und bei der diese Kosten irgendwann irgendjemand zahlen muss –, hat einen nachvollziehbaren Anreiz, die Abwägung nicht zu Ende zu führen. Der Rückzug auf Werte ist dafür ein wirksames Instrument. Er erlaubt einem, die Entscheidung nicht zu treffen, ohne dass es nach Ausweichen aussieht. Im Gegenteil: Es sieht nach Standhaftigkeit aus.
Der interessante Moment kommt nach dem Satz, nicht vor ihm. Direkt nachdem man gesagt hat „Das kann ich nicht mittragen", spürt man entweder das, was nach einer wirklichen Grenzziehung kommt: eine Mischung aus Klarheit und der Bereitschaft, die Folgen davon zu tragen. Oder man spürt etwas anderes, das schwerer zu beschreiben ist: eine Art Erleichterung, die nicht aus der Klarheit der Grenzziehung kommt, sondern daraus, dass man selbst jetzt nicht weiter abwägen muss. Sie ist eine Information darüber, was die Berufung auf Werte in diesem konkreten Moment auch noch bedeutet – neben der Verteidigung des Werts.
Auf der anderen Seite steht eine Haltung, die in der populären Debatte über Werteorientierung oft missverstanden wird. Pragmatik ist nicht das Aufgeben von Prinzipien. Sie ist die Anerkennung, dass nicht jede Frage eine Wertfrage ist. Die meisten Fragen, mit denen eine Führungskraft auf der zweiten Ebene zu tun hat, sind Interessenfragen – und Interessenfragen werden durch Verhandlung gelöst, nicht durch Berufung auf höhere Prinzipien.
Auch deshalb wohl wirkt die Anreizstruktur in Organisationen oft in Richtung Pragmatik. Anschlussfähigkeit ist förderlich, nicht zuletzt auch für die eigene Entwicklung. Wer in Verhandlungen Lösungen findet, die alle Beteiligten halbwegs mittragen können, gilt als verlässlich – und das ist eine Form von Wirksamkeit, die in Vermittlungspositionen entscheidend ist.
Aber die Pragmatik hat eben auch ihre Schattenseite. Wer aus jeder Frage eine Interessenfrage macht, kann am Ende an einen Punkt kommen, an dem keine Linie mehr erkennbar ist. Was kumulativ aus vielen kleinen Anpassungen entsteht, ist genau das Klima, vor dem die Berufung auf Werte schützen soll – eine Kultur ohne Grenzen, die niemand absichtlich gewollt hat.
Die Schattenseite der Orientierung am Prinzip ist somit Selbstschutz. Die Schattenseite der Pragmatik ist die schleichende Beliebigkeit. Beide hinterlassen Spuren, die schwer zurückzunehmen sind.
Beide Reflexe – sich auf ein Prinzip zurückzuziehen oder pragmatisch eine Lösung zu suchen – sind Antworten auf dieselbe strukturelle Lage. Die Position, die Sie in der Mitte der Organisation ausfüllen, ist eine Vermittlungsposition. Sie sind verantwortlich gegenüber dem Vorstand, dem Sie zuarbeiten, gegenüber den Teams und Mitarbeitern, die Sie führen, gegenüber den Kollegen aus anderen Bereichen. Deren Erwartungen sind nie deckungsgleich. Was die eine Seite gerade braucht, ist nicht immer das, was die andere Seite braucht.
Das ist keine Schwäche der Organisation. Das ist die Beschreibung Ihrer Rolle. In jeder Entscheidung, die Sie treffen, werden Sie einer der Erwartungen, die an Sie gerichtet werden, weniger gerecht als den anderen.
Genau hier liegt die Verführung beider Reflexe. Der Zug zum Prinzip zieht eine Grenze und stoppt damit den Prozess, der eigentlich nicht stoppen darf – die Abwägung. Der Zug zur Pragmatik sucht eine Lösung, die alle halbwegs zufriedenstellt, und vermeidet damit das Eingeständnis, dass eine Wahl getroffen werden muss, die jemandem etwas schuldig bleibt. Beide Reflexe haben dasselbe Ziel: nicht weiter abwägen zu müssen, nicht aushalten zu müssen, dass eine berechtigte Erwartung enttäuscht worden ist. Was die Position auszuhalten verlangt, ist genau das.
Dann kann man anders mit dem Unwohlsein nach einer Entscheidung umgehen. Das Unwohlsein wird nicht weniger. Aber es wird nicht mehr als Hinweis auf ein Defizit gelesen. Es wird als das gelesen, was es ist: das Echo dessen, dass eine Entscheidung mehrere Erwartungen gegeneinander gewichten musste. Wer eine solche Wahl trifft, sollte ihren Preis benennen können – zur Information für die anderen, nicht für die eigene Entlastung. Die berechtigte Erwartung, der Sie nicht gerecht werden konnten, hat kein Anrecht auf eine andere Entscheidung. Aber sie hat ein Anrecht darauf, in der Entscheidung berücksichtigt worden zu sein.
Praktisch heißt das: Der Satz „Das kann ich mit meinen Werten nicht vereinbaren" sollte selektiver zum Einsatz kommen. Werte als wirksames Instrument verlangen Sparsamkeit im Einsatz – wer sie zu oft bemüht, hat den Begriff entwertet. Sie bleiben für die Fälle, in denen wirklich eine kritische Grenze verteidigt werden muss, über die die Organisation sonst treten würde. In den vielen anderen Fällen – bei Interessenkonflikten, Ressourcenfragen, strategischen Meinungsverschiedenheiten – tritt der Satz zurück zugunsten einer Sprache, die verhandelbar bleibt. Das ist nicht ein Aufweichen von Werten, sondern präziser Umgang mit einem Instrument.
Die nächste solche Entscheidung steht vermutlich schon an: Bei welcher könnten Sie der unterlegenen Erwartung ihre Berechtigung ausdrücklich lassen – und trotzdem dagegen entscheiden?