Leadership Impulse – Spannungsfelder der zweiten Führungsebene

„Mach es ihm recht!" – Rückhalt oder Standpunkt?

 

Rückhalt nach oben sichert den Handlungsspielraum. Eine eigene Einschätzung sichert die Qualität der Entscheidungen. Das Problem ist nicht, dass beides verlangt wird, sondern dass die eigene Einschätzung mit der Zeit unbemerkt zur antizipierten Einschätzung des Vorgesetzten wird.

 

Sie haben eine Einschätzung. Sie besprechen sie mit Ihrer Vorgesetzten. Sie sieht es anders, nicht grundsätzlich, aber in einem Punkt, der die Richtung verändert. Sie gehen zurück an Ihren Schreibtisch und passen die Einschätzung an. Nicht weil Sie überzeugt wurden. Sondern weil Sie vorausberechnet haben, was passiert, wenn Sie mit einer Empfehlung in die Sitzung gehen, die die Chefin nicht teilt.

 

Diese Anpassung ist nicht immer falsch. Sie kann sogar klug sein, weil die Vorgesetzte Informationen hat, die man selbst nicht hat, oder weil das politische Gewicht einer gemeinsam getragenen Empfehlung höher ist als das einer einsamen. Nicht das Ob der Anpassung zählt, sondern woraus sie kommt. Aus einer sachlichen Neubewertung oder aus dem Bedürfnis, den Rückhalt nicht zu verlieren.

 

Die Beziehung nach oben ist eine strukturelle Voraussetzung

 

Wer Rückhalt nach oben hat, kann im Bereich entscheiden, ohne bei jeder Entscheidung um Legitimation kämpfen zu müssen. Er kann Ressourcen einfordern, weil sein Anliegen oben getragen wird. In Konflikten mit Kollegen auf derselben Ebene kann er auf eine Unterstützung zählen, die über seine eigene Position hinausreicht. Wer diesen Rückhalt nicht hat, arbeitet bei jeder Entscheidung gegen den Strom: Vorschläge werden geprüft, wo die anderer durchgewunken werden, eigene Anliegen stehen weiter hinten in der Warteschlange, und das Team merkt, dass man oben nicht gehört wird.

 

Die Pflege der Beziehung nach oben ist deshalb kein Karrierismus. Sie ist die Bedingung dafür, dass man seinen Job machen kann. Wer das unterschätzt und seinen Vorgesetzten als Störung behandelt, statt die Beziehung aktiv zu gestalten, arbeitet gegen die eigene Wirksamkeit.

 

Es gibt darüber hinaus Situationen, in denen die Anpassung an den Vorgesetzten sachlich richtig ist, nicht bloß taktisch klug. Er trägt die Gesamtverantwortung des Bereichs und sieht Konsequenzen, die aus der eigenen Position nicht sichtbar sind. Er hat Gespräche im Vorstand geführt, in die man selbst nicht eingeladen war. Er kennt die politische Linie, in die ein Vorhaben passen muss, damit es überhaupt eine Chance auf Umsetzung hat. In solchen Konstellationen ist Anpassung keine Selbstverleugnung, sondern Arbeitsteilung. Wer sich darin verweigert, nimmt eine Gesamtverantwortung für sich in Anspruch, die in dieser Konstellation nicht bei ihm liegt.

 

Was als Taktik anfängt, hört auf als Reflex

 

Irgendwann passt man seine Empfehlung an, weil der Vorgesetzte einen guten Punkt hatte. Später passt man sie an, weil man die Diskussion vermeiden will. Noch später ist die Erwartung des Vorgesetzten schon im ersten Entwurf enthalten.

 

Irgendwann gibt es keinen Moment der Anpassung mehr, weil die eigene Einschätzung gar nicht erst in einer Form entsteht, die vom Vorgesetzten abweichen könnte. Man hat gelernt, in dessen Rahmen zu denken. Und das oft gar nicht bewusst. Das bringt auch eine Erleichterung mit sich. Wer im Rahmen des Vorgesetzten denkt, muss seine Position nicht allein tragen, wenn sie scheitert. Wer eine eigene Einschätzung hat, trägt sie. Auch dann, wenn sich später herausstellt, dass sie falsch war. Das Denken in einem fremden Rahmen ist nicht nur bequemer. Es ist abgesicherter. Es schützt davor, mit dem eigenen Urteil ungeschützt im Raum zu stehen.

 

Das ist die Stelle, an der die Suche nach Rückhalt aufhört, ein taktisches Instrument zu sein, und anfängt, die eigene Souveränität zu beschädigen. Nicht schlagartig. Eher als Erosion, die man erst bemerkt, wenn jemand fragt: „Was denken eigentlich Sie dazu?", und man feststellt, dass die Antwort, die einem einfällt, nicht die eigene ist, sondern die, von der man weiß, dass sie oben ankommt.

 

Es wäre einfach, dieses Verhalten als Defizit zu beschreiben. Aber so einfach ist es nicht. Es ist die rationale Reaktion auf eine Anreizstruktur, die auf der zweiten Ebene eingebaut ist. Auf dieser Ebene wird man nicht nur nach Ergebnissen bewertet, sondern auch nach der Frage, ob man anschlussfähig ist: ob die eigenen Positionen in das Gesamtbild passen, das der Vorstand verfolgt. Wer regelmäßig Positionen vertritt, die oben nicht geteilt werden, gilt nicht als mutig, sondern als schwierig. Wer einmal zu oft widerspricht, findet sich in einer Schublade wieder, in der man als nicht teamfähig auf dieser Ebene sortiert wird.

 

In dieser Mechanik ist die Anpassung an die Linie des Vorgesetzten oft die klügere Strategie. Kurzfristig jedenfalls. Langfristig hat sie einen Preis, der selten auf der Rechnung steht: Die Organisation hat eine Stimme weniger, die ihr etwas sagt, das sie nicht hören will.

 

Der Standpunkt hat seine eigenen Schattenseiten

 

Eine eigene Einschätzung ist nicht das Gegenteil von Loyalität. Sie ist eine Form von Verantwortung. Gerade auf der zweiten Ebene sieht man Folgen, Reibungen und praktische Nebenwirkungen, die oben nicht vollständig sichtbar sind. Wer diese Einschätzung nicht einbringt, entlastet zwar die Beziehung nach oben, aber er schwächt die Entscheidungsqualität. Der Standpunkt ist deshalb keine private Meinung, die man sich leistet. Er ist der Beitrag der eigenen Funktion zur gemeinsamen Entscheidung.

 

Bevor man dieses Phänomen vorschnell auf der Standpunkt-Seite als Tugend verbucht: Auch der eigene Standpunkt kennt Formen des Ausweichens.

 

Es gibt Führungskräfte, deren Standpunkt weniger der Sache dient als der eigenen Profilierung. Sie widersprechen, weil Widerspruch ihre Marke geworden ist. In Sitzungen sind sie die Stimme, die noch ihre Bedenken vorträgt, wenn alle anderen schon weiter sind. Was nach intellektueller Schärfe aussieht, ist oft etwas anderes: das Bedürfnis, sichtbar zu bleiben, dadurch dass man anders ist. Das ist eine Eitelkeit, die sich als Tugend verkleidet.

 

Subtiler ist die zweite Form. Manche halten an einer Position fest, weil sie sie einmal eingenommen haben, nicht weil sie sie weiterhin für richtig halten. Der Standpunkt wird zum Besitz. Ihn aufzugeben würde so aussehen, als hätte man sich geirrt, und das gilt es zu vermeiden. So entsteht eine Beharrlichkeit, die mit Urteilskraft nichts mehr zu tun hat. Sie ist dann Schutz vor der Zumutung, das eigene Denken nochmals zu prüfen.

 

Beide Pole haben also ihre Schattenseiten. Auf der Rückhalt-Seite ist es die Anpassung, die irgendwann das eigene Denken ersetzt. Auf der Standpunkt-Seite ist es die Profilierung oder die Beharrlichkeit, die irgendwann die Sache ersetzt.

 

Eine Unterscheidung, die aus dem Blick gerät

 

Es geht nicht darum, ob Sie sich trauen, Ihrem Chef zu widersprechen. Das wäre zu einfach, denn es würde die Anreizstruktur ignorieren, in der der Widerspruch stattfindet.

 

Sie lautet eher: Wissen Sie noch, was Sie denken, bevor Sie kalkulieren, was Ihr Vorgesetzter hören will?

Auf der zweiten Ebene verbringen erfahrene Führungskräfte einen erheblichen Teil ihrer Zeit damit, Positionen im Hinblick auf ihre Durchsetzbarkeit zu prüfen, bevor sie diese einbringen. Das ist sachlich begründet, denn eine Position ohne Anschluss bleibt in der Organisation oft folgenlos. Aber dieser Filter hat eine Nebenwirkung. Die eigene Einschätzung wird immer schon durch ihn geformt. Was auf der anderen Seite des Filters liegt gerät mit der Zeit aus dem Blick: die erste fachliche Einschätzung, bevor sie in Anschlussfähigkeit übersetzt wird.

 

Diese Unterscheidung hat eine weitere Seite, die hier bisher fehlt, weil sie sich schlecht von der Anpassung trennen lässt. Es gibt den Fall, dass Sie Ihre Einschätzung ändern, weil das Gegenargument besser war. Das ist keine Anpassung, sondern der Ertrag eines Gesprächs — und es ist die Fähigkeit, ohne die die ganze Konstruktion nicht funktioniert. Wer sich nie überzeugen lässt, hat keinen Standpunkt, sondern eine Position, die er verteidigt.

Auf dieser Ebene wird diese Fähigkeit selten trainiert und noch seltener gewürdigt. Die Sprache über Führung kennt viele Wörter für Durchsetzen und wenige für Nachgeben, das keine Niederlage ist. Dabei ist der Unterschied im eigenen Erleben deutlich, wenn man einmal darauf achtet: Wer überzeugt wurde, kann sagen, welches Argument es war, und er kann die Position nachher jemand anderem gegenüber selbst vertreten. Wer sich angepasst hat, kann beides nicht — er kann nur wiedergeben, was oben gilt. Das ist die brauchbarste Probe, die es hier gibt, und sie dauert einen Augenblick: Könnte ich das morgen einem Dritten erklären, ohne mich auf den zu berufen, von dem es stammt?

 

Daraus folgt eine Erkenntnis, die nicht bedeutet, dass man eine falsche Position einnimmt. Sie bedeutet, dass man eine Unterscheidung wieder sichtbar machen kann, die einem aus dem Blick geraten ist: die Unterscheidung zwischen dem, was man für richtig hält, und dem, was man für durchsetzbar hält.

 

Beides hat seinen Platz. Aber es sind zwei verschiedene Dinge, und wer sie nicht mehr auseinanderhalten kann, hat aufgehört, eine eigene Position zu haben.

 

 

Drei Fragen an die Praxis

  • Denken Sie an die letzte Empfehlung, die Sie angepasst haben, bevor Sie sie abgegeben haben. War die Anpassung die Folge einer sachlichen Neubewertung oder einer Berechnung darüber, was oben gut ankommt? Wie oft in den letzten Monaten war es das zweite?

  • Und andersherum: Gibt es eine Position in Ihrem Bereich, an der Sie festhalten und bei der Sie sich nicht mehr ganz sicher sind, ob Sie sie weiterhin für richtig halten? Oder ob Sie sie nur deshalb noch vertreten, weil Sie sie einmal eingenommen haben? Eine Position, die zum Besitz geworden ist, ist kein Standpunkt mehr.

  • Wenn jemand Sie vor der Sitzung fragen würde, was Ihre fachliche Einschätzung ist, bevor Sie sie anschlussfähig machen: Wäre das dieselbe Antwort, die Sie später nach oben vertreten? Wenn nicht, zeigt die Differenz, wie weit sich die eigene Position inzwischen von dem entfernt hat, was man nach oben trägt.


Zu wissen, was man denkt, bevor man kalkuliert, was sich sagen lässt: Das ist es, was Rückhalt nach oben von Selbstaufgabe trennt. Wer beides auseinanderhält, kann loyal sein, ohne sich selbst aufzugeben. Rückhalt ersetzt dann nicht den Standpunkt, und der Standpunkt verwechselt sich nicht mit Unabhängigkeit.

 


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Dr. Christof Domrös
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