Leadership Impulse – Spannungsfelder der zweiten Führungsebene

„Sorg für Klarheit!" – Festlegen oder Geltenlassen?

 

Klarheit gilt als das Mindeste, was eine Führungskraft schuldet, und meist zu Recht. Was dabei übersehen wird: Eine Klarheit ist kein Zustand, den man herstellt und der dann da ist. Sie ist eine Festlegung – und Festlegungen haben ein Haltbarkeitsdatum, das meist niemand draufschreibt.

 

 

Eine Abteilung gilt seit Jahren als das Sorgenkind im Haus. Irgendwann, mit gutem Grund, hat jemand entschieden: Hier liegt ein Führungsproblem, die Leitung muss enger geführt werden. Das war damals richtig, es wurde gehandelt, es wurde besser. Nur ist die Beschreibung geblieben, lange nachdem die Leitung gewechselt und das Team sich gedreht hat. „Das Sorgenkind" steht weiter im Raum, jede Zahl wird durch diese Brille gelesen, jeder Fehler bestätigt sie, jeder Erfolg gilt als Ausnahme. Die Klarheit von einst arbeitet noch – aber sie beschreibt eine Lage, die es nicht mehr gibt.

 

Genau das ist die unauffällige Seite des Festlegens: Es wirkt weiter, wenn das, worauf es sich bezog, sich längst verschoben hat.

 

Festlegen ist eine Leistung, kein Verlegenheitsakt

 

Es ist ja richtig: Ohne klare Festlegung bündelt ein Bereich seine Kräfte nicht. Solange eine Frage offenbleibt, arbeitet jeder in die Richtung, die ihm einleuchtet, und die Kräfte heben sich gegenseitig auf. Wer sagt „Wir behandeln das jetzt so", nimmt allen die Last, die Frage weiter offenhalten zu müssen. Ab diesem Satz weiß jeder, woran er arbeitet. Das ist eine Erleichterung, und oft ist sie genau das, was geschuldet ist – gegen das Zerfasern, gegen das ewige „Mal sehen", gegen die Bequemlichkeit, sich nie festzulegen, weil Festlegen angreifbar macht.

 

Die Organisation verstärkt es: Wer eine klare Linie ausgibt, gilt als führungsstark; wer offenlässt, weckt den Verdacht, er habe seinen Bereich nicht im Griff. Festlegen wird belohnt – und zwar sofort, lange bevor sich zeigt, ob die Festlegung tragfähig ist. Das ist keine Fehlfunktion des Systems; es ist seine Logik: Es braucht handlungsfähige Bereiche, und Handlungsfähigkeit beginnt damit, dass eine Frage für entschieden erklärt wird.

 

Eine Festlegung altert, ohne es zu melden

 

Was als Erleichterung beginnt, wird mit der Zeit zu etwas anderem. Eine Festlegung, die lange gilt, hört auf, sich wie eine Festlegung anzufühlen. Sie wird zur schlichten Beschreibung dessen, was ohnehin der Fall ist. Niemand erinnert sich mehr daran, dass hier einmal jemand zwischen mehreren Lesarten entschieden hat; die gewählte ist einfach „wie es ist". Und in dem Moment, in dem sie das geworden ist, kann sie nicht mehr in Frage gestellt werden – denn man stellt dann keine Wahl mehr in Frage, sondern bezweifelt die Wirklichkeit, und das traut sich niemand.

 

Die Gefahr ist nun nicht, dass man sich falsch festlegt – das kommt vor und wird dann meist korrigiert, weil ein falscher Beschluss rasch an der Wirklichkeit aufläuft. Die Gefahr ist, dass man sich richtig festlegt und es dann versäumt, die Festlegung wieder einzusammeln, wenn ihre Zeit vorbei ist. Eine einmal zutreffende Beschreibung ist zäher als eine falsche, weil sie sich auf einen echten Erfolg berufen kann: Sie hat ja gestimmt. Dass sie heute nicht mehr stimmt, fällt gerade deshalb nicht auf. Der Bereich arbeitet weiter entlang einer Linie, die sich bewährt hat – und merkt nicht, dass das Bewährte zur Fessel geworden ist.

 

Woran man eine Festlegung erkennt, die ihre Zeit hinter sich hat

 

Daraus folgt nicht, dass man seine Festlegungen ständig aufschnüren sollte. Wer jede getroffene Entscheidung in Permanenz erneut zur Debatte stellt, schafft keine Wachheit, nur Erschöpfung – und nimmt der Klarheit genau die entlastende Wirkung, für die sie da ist. Es gibt ein Geltenlassen, das souverän ist: Man hat entschieden, es trägt, man lässt es arbeiten. Das ständige Nachfassen ist nicht souveräner; es ist oft nur die Unfähigkeit, eine Entscheidung stehen zu lassen.

 

Der Unterschied zeigt sich an einem Signal, das leicht zu übersehen ist, weil es nach Erfolg aussieht: wenn eine Beschreibung jeden Befund bestätigt. Eine Festlegung, die noch gilt, kann an der Wirklichkeit scheitern – es gibt Beobachtungen, die nicht zu ihr passen, und man muss sie erklären. Eine Festlegung, die ihre Zeit hinter sich hat, kennt kein Gegenbeispiel mehr: Jeder Erfolg bestätigt sie, jeder Misserfolg auch, jede Abweichung wird zur Ausnahme erklärt. Wenn nichts mehr gegen eine Beschreibung sprechen kann, beschreibt sie die Lage nicht mehr; sie ersetzt sie. Das ist der Moment, sie einzusammeln – nicht weil sie falsch wäre, sondern weil sie aufgehört hat, prüfbar zu sein.

 

 

Drei Fragen an die eigene Klarheit

  • Welche Beschreibung gilt in Ihrem Bereich so lange, dass niemand mehr weiß, wann und von wem sie eigentlich getroffen wurde? Was an ihr stammt aus einer Situation, die es so nicht mehr gibt?

  • Nehmen Sie eine Einordnung, auf die Sie sich verlassen – „Abteilung X ist schwach", „mit dem Bereich Y ist nicht zu rechnen". Was müsste geschehen, damit Sie sie revidieren? Wenn Ihnen nichts einfällt, gilt sie nicht mehr, weil sie stimmt, sondern weil sie sich nicht mehr widerlegen lässt.

  • Wann haben Sie zuletzt eine eigene, einmal richtige Festlegung zurückgenommen – nicht weil sie sich als Fehler erwies, sondern weil ihre Zeit vorbei war? Wenn das lange her ist, liegt das eher selten daran, dass alle Ihre Festlegungen noch gelten.

„Sorg für Klarheit!" ist ein guter Satz gegen das Zerfasern. Er führt dort in die Irre, wo er Klarheit für einen Zustand hält statt für eine Festlegung, die altert. Eine Beschreibung, die einmal stimmte, ist die hartnäckigste von allen – sie beruft sich auf einen echten Erfolg und überlebt ihn. Die Arbeit auf dieser Ebene ist deshalb nicht nur, für Klarheit zu sorgen, sondern zu bemerken, wann eine Klarheit aufgehört hat, eine zu sein. 

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Dr. Christof Domrös
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