Leadership Impulse – Spannungsfelder der zweiten Führungsebene

„Sieh den Tatsachen ins Auge!" – Lage oder Folge?

 
„Sieh den Tatsachen ins Auge" unterstellt, eine Zahl spreche für sich. Tut sie nicht. Eine Tatsache steht in der Gegenwart fest – aber was an ihr zählt, ist ihre Wirkung, und die liegt in der Zukunft. Wohin führt das? Was wird daraus? Diese Frage beantwortet keine Zahl von selbst; sie wird beantwortet, indem jemand die Zahl in einen Wirkungszusammenhang einordnet, den er für wahrscheinlich hält. Und das bringt er mit, bevor er hinsieht.

 

 

Eine Kennzahl steht im Raum. Der Auftragseingang ist im Quartal um zwölf Prozent gefallen. Die Zahl ist unstrittig. Trotzdem geht die Sitzung nicht weiter, weil zwei Leute sich nicht einigen, ob das schlimm ist. Der eine hält es für ein ernstes Signal, an dem sofort etwas geschehen muss. Der andere winkt ab: saisonal, halb so wild, eher eine willkommene Atempause für die überlastete Fertigung. Beide haben dieselbe Zahl vor sich. Sie streiten nicht über sie. Sie streiten über das, was ihr folgt.

 

Die Zahl ist hart, ihre Zukunft nicht

 

Warum der Satz sein gutes Recht hat? Es gibt harte Daten, und es gibt das Bedürfnis, sie wegzureden. Ein Auftragsrückgang, eine Fehlerquote, ein Liquiditätsstatus sind keine Stimmungen, und wer sie kleinredet, weil sie unbequem sind, schadet allen. Gegen das Vertagen, das Schönfärben, das „lass uns erst mal abwarten" hat „sieh den Tatsachen ins Auge" sein volles Gewicht. Wer jede unangenehme Zahl sofort in den Kontext stellt, in dem sie harmlos aussieht, hat ein bequemes Verfahren gefunden, nie etwas ernst nehmen zu müssen.

 

Aber die Härte der Zahl und die Härte ihrer Wirkung sind zweierlei. Wirkung ist eine Aussage über die Zukunft, und über die Zukunft gibt es keine Tatsachen, nur Lesarten, die unterschiedlich gut begründet sind. Der Satz verwechselt die Festigkeit der Gegenwart mit einer Festigkeit der Folgen, die es nicht gibt.

 

Wohin eine Zahl führt, sieht jede Rolle anders – und jede sieht etwas Reales

 

Hier wird die Sache praktisch, denn die verschiedenen Wirkungen sind nicht Willkür. Sie hängen daran, von wo aus jemand auf die Zahl schaut. Der Vertriebsleiter liest in den zwölf Prozent die drohende Verfehlung des Jahresziels; der Produktionsleiter eine Entlastung der Linien, die seit Monaten am Anschlag laufen. Beide sehen eine echte Wirkung. Keiner irrt. Sie sitzen nur an verschiedenen Stellen der Organisation, und von jeder Position aus betrachtet löst dieselbe Zahl eine andere Zukunft aus.

 

Entscheidend dafür ist nicht nur die Rolle in der Organisation. Es ist auch die Profession, in der jemand denken gelernt hat. Die Juristin sieht hinter einer Kennzahl ein Haftungsrisiko, der Ingenieur ein technisches Symptom, der Betriebswirt eine Margenfrage. Jede Profession sieht vor dem Hintergrund ihrer Ausbildung bestimmte Wirkungsketten und andere nicht – das ist ihr Können, nicht ihr Mangel. Aber es führt dazu, dass vier Fachleute auf dieselbe Zahl schauen und vier verschiedene Zukünfte erkennen, jede sauber begründbar, jede unvollständig. Der Streit, der dann entsteht, sieht aus wie ein Streit über die Fakten. Er ist ein Streit über die Bedeutung, die verschiedene Rollen in den Fakten sehen – und auf der Faktenebene lässt er sich nie schlichten, wenn die Fakten niemand bestreitet.

 

 

Woran man die festgefahrene Debatte erkennt – und wohin man sie verlegt

 

Daraus folgt nicht, dass jede Wirkungseinschätzung gleich gut wäre und man sich in lauter gleichberechtigten Perspektiven einrichten sollte. Wer jede Lesart gelten lässt, muss sich auf keine festlegen.

 

Der Nutzen liegt woanders. Wenn eine Runde sich über „die Zahlen" festbeißt und nicht vom Fleck kommt, ist das meist das Zeichen, dass gar nicht über die Zahlen gestritten wird, sondern über die Zukünfte, die verschiedene Rollen in ihnen sehen. In dem Moment ist die Frage „Wer hat die richtige Einschätzung?" die falsche. Die weiterführende Frage ist: Aus welcher Perspektive siehst du welche Wirkung – und welche Perspektive fehlt vielleicht am Tisch, deren Bedeutung wir gerade übersehen?

 

Den unentscheidbaren Faktenstreit auf die Ebene der unterstellten Wirkungen zu heben, macht ihn bearbeitbar – weil sich über begründete und weniger begründete Zukunftsannahmen reden lässt, über eine Zahl, die alle längst akzeptiert haben, dagegen nicht.

 

Und am Ende muss die Entscheidung trotzdem getroffen werden – nur dann mit offengelegten Annahmen statt im Streit um eine Zahl, die nie das Thema war.

 

 

Zwei Fragen an die nächste Zahl, über die debattiert wird

  • Wenn Sie in einer Runde sitzen, die sich nicht einigen kann, ob eine Zahl ein Problem ist: Streiten Sie wirklich über die Zahl – oder darüber, welche Wirkung jeder von Ihnen ihr zuschreibt? Und ist die Wirkung, die Sie sehen, an Daten festgemacht oder an der Perspektive, aus der Sie hinsehen?
  • Welche Wirkung einer wichtigen Kennzahl in Ihrem Bereich sieht im Moment niemand – weil die Rolle oder die Profession, die sie sähe, an Ihrem Tisch nicht vertreten ist?

„Sieh den Tatsachen ins Auge" ist ein guter Satz gegen das Wegsehen. Er führt in die Irre, wenn er so tut, als spräche die Zahl auch über ihre Folgen. Eine Tatsache steht fest; ihre Wirkung ist eine Annahme über die Zukunft, und die fällt je nach Rolle und Profession verschieden aus – ohne dass einer sich irrt. Die nüchternste Frage ist deshalb nicht, ob alle die Zahl anerkennen, sondern ob offenliegt, welche Zukunft jeder in ihr sieht – und aus welchem Blickwinkel.

 


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