Leadership Impulse – Spannungsfelder der zweiten Führungsebene

„Beherrsche auch die Details!“ –  Fachlichkeit oder Führung?

 

Irgendwann in einer Führungskarriere beginnt dieselbe Stärke zu schaden, die einen nach oben gebracht hat. Jahrelang war die eigene Handschrift im Detail das, wofür man geschätzt wurde. Diese Handschrift loszulassen heißt nicht, sie zu verlernen — nur zu erkennen, wann sie nicht mehr gebraucht wird. Das ist leichter gesagt als getan, denn sie meldet sich nicht nur als Gewohnheit, sondern als das Gefühl, gerade jetzt das Richtige zu tun.

 

 

Es ist neunzehn Uhr, und Sie öffnen die Vorlage, die Ihr Team für die morgige Vorstandssitzung geschrieben hat. Schon auf den ersten Blick fallen Ihnen einige kritische Punkte ins Auge. Auf Folie sieben fehlt eine Annahme, Folie elf bringt ein Argument, das nicht überzeugt. Und überhaupt muss die ganze Storyline anders aufgezogen werden. Sie wissen, wie Sie es richtig machen würden. Sie wissen auch, dass es zwanzig Minuten dauern würde, jemandem im Team zu erklären, was zu ändern wäre, und noch zwei Stunden, bis die Änderung gut säße. Selbst machen wäre in vierzig Minuten erledigt. Sie setzen sich hin und arbeiten es ein.

 

Gegen acht ist die Vorlage fertig. Sie ist jetzt gut. Sie sind zufrieden, müde, und gehen nach Hause mit dem leisen Gefühl, einmal mehr die Sache gerettet zu haben.

 

Diese Szene ist auf der zweiten Führungsebene erstaunlich häufig. 

 

Was die Detailkenntnis tatsächlich leistet

 

Wer auf der zweiten Ebene ankommt, ist meistens dort, weil er in einer fachlichen Aufgabe richtig gut war. Bester Vertriebler, schärfster Analyst, kreativster Ingenieur. Diese Fachlichkeit bleibt in der neuen Rolle wirksam, auf eine Art, die oft unterschätzt wird.

 

Eine Führungskraft mit substantieller Detailkenntnis merkt, wenn jemand mit kluger Sprache fehlende Substanz überdeckt. Sie weiß, welche Frage in einer Diskussion die wichtige ist und welche nur Beschäftigung erzeugt.

 

Wer die Detailkenntnis vorschnell aufgibt, aus dem Verständnis, Führung stehe über den Dingen, verliert genau diese Urteilskraft. Er muss glauben, was man ihm präsentiert, weil ihm die fachliche Urteilskraft fehlt, um es einzuordnen. Er muss glauben, was man ihm präsentiert, weil ihm die Skepsis fehlt, die nur aus eigener Erfahrung kommt. Der Bereich entwickelt dann eine Schwäche, die schwer zu erkennen ist. Es geht alles seinen Gang, niemand macht offensichtliche Fehler, und doch verlieren die Entscheidungen über die Zeit an Bodenhaftung.

 

Hinzu kommt, dass Detailkenntnis nach oben eine Währung ist. Wer im Vorstand auf eine Rückfrage zur Sache nicht umgehend antworten kann, verliert dort schneller Vertrauen, als ihm lieb ist, egal wie gut er führt. Lateral entscheidet sie darüber, ob die Nachbarbereiche einen ernst nehmen oder überfahren. 

 

Diese Urteilskraft ist durch kein Methodenwissen zu ersetzen. Sie kommt aus den Jahren, in denen man die Sache selbst gemacht hat, und sie gehört mit zum Wertvollsten, was ein Bereich an seiner Spitze haben kann. Der Imperativ „raus aus dem Detail" ist deshalb nie pauschal richtig.

 

Wirksamkeit, die das Detail nicht braucht

 

Zugleich gibt es eine Form der Wirksamkeit, die ohne volle Detailkenntnis auskommt. Und die ist in bestimmten Situationen genau das Richtige. Wer den Überblick hat, sieht Zusammenhänge, die in der Detailansicht unsichtbar bleiben, etwa wiederkehrende Konfliktlinien oder übersehene strategische Implikationen. Das ist eine eigenständige Urteilskraft, und nicht durch Detailwissen zu ersetzen.

 

Es gibt zudem eine Breite organisatorischer Verantwortung, in der Detailkenntnis gar nicht herstellbar ist, bei mehreren Disziplinen unter einem Dach, bei Einheiten mit verschiedenen Geschäftsfeldern, bei Quereinstiegen in fachlich neue Sektoren. Hier muss die Führungskraft mit weniger Detail auskommen, als ihr lieb wäre, und ihre Wirksamkeit anders herstellen, über Personen, über Strukturen, über die richtigen Fragen statt die richtigen Antworten.

 

Diese Form hat ihre eigene Schattenseite. Wer sich aus dem Detail vollständig zurückzieht, bei dem wird aus Distanz Realitätsferne. Dann ersetzen Berichte die Wirklichkeit, und die Führungskraft merkt zu spät, dass die Lage anders ist, als sie ihr dargestellt wurde.

 

Wo die alte Stärke das Handeln steuert statt das Urteil

 

Detailkenntnis als Wissen bleibt eine Stärke, solange sie das Urteil schärft. Sie wird zur Falle, sobald sie das Handeln steuert. Solange Sie die Vorlage sichten und drei pointierte Rückfragen stellen, nutzen Sie Ihre fachliche Kompetenz. Sobald Sie die Vorlage selbst umschreiben, ersetzen Sie die Funktion, die das Team haben sollte, durch sich selbst. Das hat zwei Folgen, die zusammen die eigentliche Falle bilden.

 

Die erste ist sichtbar, aber sie verläuft anders, als man zunächst denkt. Das Team wird nicht unbedingt schlechter, es wird taktischer. Es lernt, woran der Chef ohnehin Hand anlegt und was er nie prüft, und steckt seine Energie genau dort hinein, wo sie zählt. Das ist kein Nachlassen, sondern eine rationale Antwort auf ein Signal, das Sie selbst gesetzt haben. Sie korrigieren daraufhin mehr, das Team liefert kalkulierter weniger, und die Lücke zwischen dem, was es könnte, und dem, was es einreicht, wächst. Nach zwei Jahren führen Sie ein Team, das auf Sie hin optimiert ist statt auf die Sache, und Sie selbst arbeiten mehr als je zuvor.

 

Hier lohnt der Blick auf den Boden, auf dem das geschieht. Die gerettete Vorstandsvorlage ist sichtbar und wird sofort goutiert. Die Schnittstelle, die Sie nicht geklärt, das Gespräch, das Sie nicht geführt haben, fällt niemandem auf. Der Schaden zeigt sich, wenn überhaupt, erst in zwei Jahren und lässt sich dann kaum mehr auf eine Ursache zurückführen. Die Organisation belohnt eher das kurzfristig sichtbare. Wer abends selbst korrigiert, folgt also nicht nur einem inneren Reflex. Er folgt einer Anreizstruktur, die ihm recht gibt.

 

Die zweite Folge ist weniger sichtbar und betrifft Sie. Solange Sie Vorlagen umschreiben, müssen Sie sich nicht mit den eigentlichen Aufgaben Ihrer Position beschäftigen, den politischen Schnittstellen, den unbequemen Gesprächen, die niemand sonst führen kann. Diese Aufgaben sind zäh, und sie geben kein „erledigt". Eine Beziehung zum Nachbarbereich ist nie fertig, ein Konflikt nie endgültig gelöst, eine Schnittstelle nie geklärt für immer. Fachliche Detailarbeit dagegen hat einen Anfang und ein Ende. Wer darin Zufriedenheit findet, hat sie sich nicht zufällig gesucht. Die Detailarbeit verspricht das, was die eigene Rolle strukturell verweigert, etwas, das einmal abgeschlossen ist.

 

Woran das Selbstbild hängt

 

Damit verschiebt sich, wofür die Fachlichkeit überhaupt gebraucht wird. Dieselbe Detailstärke, die als Handeln zur Falle wird, ist als Urteil weiter gefragt, nur an einer anderen Stelle. Sie produziert nicht mehr die Antwort, sie wertet sie ein. Wer Antworten produziert, sitzt in der Logik der Sache; wer sie im Zusammenhang wertet, in einer Position daneben. Er fragt nicht „Wie löse ich das?", sondern „Hat der, der es gelöst hat, an das Richtige gedacht?". Das setzt voraus, dass jemand anders die Lösung erarbeitet, und dass diese Person den Raum hat, es auch dann zu tun, wenn sie es anders macht, als der Chef es täte.

 

Das fällt dem Selbstbild schwerer als dem Verhalten. Verhalten lässt sich umstellen. Aber der Satz „Ich bin gut, weil ich es kann" muss zu „Ich bin gut, weil ich erkenne, ob es gut gemacht ist und ob es hier passt" werden, und das ist kein Beschluss, sondern eine Ablösung. Solange man sich vor allem als den besten Profi versteht, stellt jedes schwächere Ergebnis die Rolle infrage, mit der man sich noch identifiziert. Erträglich wird die fremde Lösung erst, wenn man die neue Position wirklich einnimmt, von der aus sie nichts mehr über den eigenen Rang als Profi aussagt, sondern nur über die Sache.

 

Eine Aufgabe, die nicht alle gleich gut können

 

Nicht jede Führungskraft leistet diese Ablösung gleich gut. Das ist nicht selten in der Geschichte gegründet, die jemanden zur Fachexpertise gebracht hat.

 

Es gibt Menschen, deren Verbindung zum Fach aus echtem Interesse an der Aufgabe kommt. Sie stellen sich um, weil ihr Interesse ein neues Feld findet, die strategische Steuerung, die Personalführung, die Gestaltung von Schnittstellen.

 

Und es gibt Menschen, deren fachliche Stärke aus einer anderen Quelle stammt. Sie haben in ihrem Feld lange gut funktioniert, weil die Inhalte ihnen Sicherheit gaben, ein klares Thema, eindeutige Regeln, messbarer Erfolg. Für sie führt der Aufstieg weg von dem Fundament, das ihnen Halt gab. Die Detailarbeit ist dann nicht nur Gewohnheit. Sie ist die Rückkehr in das einzige Feld, in dem sie sich wirklich sicher fühlen.

 

Das bei sich zu erkennen ist nicht angenehm, aber entlastend. Es heißt nicht, in der falschen Position zu sein. Es heißt, dass die Entwicklung hier auch eine Frage des eigenen Fundaments ist, und dass es ehrlicher ist, das klar zu sehen, bevor man von sich etwas verlangt, das vielleicht mehr Zeit braucht, als man dachte. 

 

 

Drei Fragen

  • Denken Sie an die letzte Aufgabe, die Sie an sich gezogen haben, obwohl jemand im Team sie hätte machen können. Welche Schwelle haben Sie sich gesetzt, wäre das Ergebnis bei achtzig Prozent Ihrer Qualität tragbar gewesen, bei neunzig? Und falls Sie sich keine Schwelle eingestehen, sondern es immer „dann doch besser selbst" gemacht haben: Liegt das an der Sache, oder daran, dass eine fremde Lösung, die schwächer ist als Ihre, Ihre alte Rolle als bester Fachmann infrage stellt?
  • Erinnern Sie sich an einen Vorgang der letzten Monate, bei dem Sie überrascht waren, was im Bereich tatsächlich los war, obwohl Sie regelmäßig Berichte bekommen haben? Was hätten Sie im Detail wissen müssen, um früher anders zu urteilen?
  • Was haben Sie in den letzten zwei Wochen getan, das nur Sie in Ihrer Rolle hätten tun können? Wenn Ihnen vor allem fachliche Einzelaufgaben einfallen, ist das ein Hinweis. Wenn Ihnen Schnittstellen, Entscheidungen, Zumutungen oder Klärungen einfallen, stehen Sie eher an der richtigen Stelle.

 

Das Verabschieden der vertrauten Wirksamkeit ist keine Methode, die sich anwenden ließe. Es heißt nicht, Fachlichkeit aufzugeben, sondern sie anders einzusetzen: weniger als eigene Ausführung, mehr als Urteil über das, was andere erarbeitet haben.

 


Kontakt

Dr. Christof Domrös
Managementberatung

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