Manchmal ist es Fürsorge. Manchmal ist es etwas, das sich nur als Fürsorge ausgibt. Von außen sind die beiden nicht zu unterscheiden – und von innen meistens auch nicht.
Der Vorstand kippt eine zusätzliche Aufgabe in den Bereich, kurze Frist, schlechter Moment, das Team ohnehin am Anschlag. Sie sehen die Runde an und sagen: Das fange ich ab. Sie nehmen es an sich, verhandeln im Hintergrund, halten den Rücken frei. Abends sind Sie erledigt und zufrieden. Sie haben Ihre Leute geschützt.
Und vielleicht haben Sie das. Es kann genau richtig gewesen sein – ein Team, das jede Welle ungefiltert abbekommt, arbeitet irgendwann nur noch im Alarm, und im Alarm wird nichts besser. Zu filtern, was oben an Lärm entsteht und unten an Konzentration zerstört, ist eine der wenigen Leistungen, die niemand außer Ihnen erbringen kann. Sie sitzen an der Schnittstelle. Sonst sitzt da keiner.
Nur: an sich ziehen, abnehmen, abfangen – das sieht identisch aus, wenn es aus einem anderen Grund kommt. Und der andere Grund ist häufiger, als man sich eingesteht.
Jemandem etwas Schweres zuzumuten, ist unangenehm. Man sieht die Belastung im Gesicht des anderen und lässt sie trotzdem stehen. Man riskiert, als der zu gelten, der nicht genug abfedert. Wer die Last an sich zieht, erspart sich genau diesen Moment. Das Abnehmen beruhigt dann nicht das Team – es beruhigt den, der abnimmt. Und weil es sich anfühlt wie Fürsorge, merkt man nicht, dass man gerade vor allem sich selbst geschont hat.
Die Frage, die das auseinanderhält, ist unbequem: Wenn Sie etwas abfangen – tun Sie es, weil das Team es nicht tragen kann, oder weil Sie es schlecht ertragen würden, ihm zuzusehen, wie es trägt? Die erste Antwort ist Führung. Die zweite ist Selbstberuhigung im Gewand der Fürsorge. Beide kommen aus demselben Mund und meinen oft verschiedene Dinge.
Man könnte es dabei belassen. Doch es gibt etwas, das schwerer wiegt, weil es nicht die Selbsttäuschung trifft, sondern die ehrliche Fürsorge.
Nehmen wir an, Sie schützen aus den besten Gründen. Keine Täuschung, echte Sorge, jedes Mal. Dann passiert über die Jahre trotzdem etwas, das niemand wollte. Ein Team, das nie der vollen Wucht einer anspruchsvollen Lage ausgesetzt war, hat nie erfahren, dass es sie aushält. Belastbarkeit, die nicht geübt wird, bildet sich zurück – nicht aus Schwäche, sondern weil es keinen Anlass gab, sie zu entwickeln. Irgendwann reagiert ein gut geschütztes Team auf eine mittlere Störung so, wie ein anderes auf eine Katastrophe reagieren würde. Es fehlt schlicht der Erfahrungswert, dass man auch das übersteht.
Und jetzt kippt es, ohne dass jemand etwas falsch macht: Sie sehen die wachsende Empfindlichkeit und schließen daraus, das Team brauche noch mehr Schutz. Also schützen Sie mehr. Der Schutz erzeugt die Schutzbedürftigkeit, die er dann bedient. Kein Fehler in der Ausführung – die Logik der Sache, leise, jahrelang, gegen die beste Absicht.
Das ist der Punkt, an dem „Schütze dein Team!" sich gegen das Team wendet. Nicht weil zu wenig geschützt wurde. Weil zu zuverlässig geschützt wurde.
Heißt das, man soll die Last weiterleiten und es Zutrauen nennen? Nein – und das ist keine pflichtschuldige Gegenbemerkung, sondern eine eigene Falle. „Das traue ich euch zu" lässt sich genauso bequem einrichten wie das Abschirmen. Wer jede Last weiterreicht und sich dabei zurücklehnt, hat kein Vertrauen geschenkt, sondern sich herausgehalten.
Der Unterschied, den ein Team sofort spürt: ob jemand zumutet und greifbar bleibt, wenn es eng wird – oder zumutet und dann nicht mehr da ist. Nur das Erste ist Führung.
Die Pointe ist nicht, sich zwischen Schützen und Zumuten zu entscheiden. Das wäre ein Stil als Rezept, und ein Stil nimmt einem das Entscheiden ab. Die Pointe ist, dass beide Reflexe – der zum Abfangen und der zum Durchreichen – sich von innen wie Verantwortung anfühlen und es manchmal nicht sind.
Was bleibt, ist die Arbeit, das im einzelnen Fall auseinanderzuhalten. Sie ist undankbar, weil sie unsichtbar ist: Niemand sieht die Last, die Sie zu Recht abgefangen haben, und niemand dankt für die, die Sie zu Recht haben stehen lassen.
Der Schutz, den ein Team am dringendsten braucht, ist nicht der vor jeder Last. Es ist der vor einer Führungskraft, die sich an ihrer eigenen Unentbehrlichkeit erfreut.