Leadership Impulse – Spannungsfelder der zweiten Führungsebene

„Mach es richtig!" – Sorgfalt oder Entschlossenheit?

 

Der Imperativ klingt, als gäbe es ein Richtig, das man nur sorgfältig genug finden müsste. In vielen Führungsentscheidungen gibt es das nicht. Eine gute Entscheidung braucht Gründlichkeit. Sie braucht auch den Moment, in dem man sich vertretbar festlegt, obwohl Fragen offenbleiben.

 

 

Eine Szene, die fast jede Entscheidungsvorlage kennt: Das Team hat gearbeitet, die Daten liegen vor, zwei Varianten stehen im Raum. Beide sind begründbar. Beide haben Schwächen. Die Entscheidung muss in dieser Woche fallen, und Sie wissen das seit Tagen.

 

Sie sehen die Vorlage ein drittes Mal durch. Sie schreiben eine Mail mit zwei Nachfragen, die in Wahrheit nichts mehr klären werden. Sie verschieben den Termin um zwei Tage, weil Sie noch eine Perspektive einholen wollen. Am Ende entscheiden Sie. Und wenn Sie ehrlich sind, hätten Sie genauso entscheiden können, bevor die Zusatzschleife begann.

 

Diese Szene wird selten hinterfragt, weil sie nach außen gut aussieht. Es gibt keine Hast, keine übereilten Festlegungen, keine sichtbare Fahrlässigkeit. Es sieht aus wie Sorgfalt. Und manchmal ist es das auch. Manchmal aber ist es etwas anderes geworden.

 

Was Sorgfalt leisten muss

 

Man sollte zuerst festhalten, wofür Sorgfalt in einer Position wie Ihrer wirklich da ist. Sie ist keine Charaktereigenschaft. Sie ist eine Funktion der Rolle.

 

Wer auf dieser Ebene entscheidet, entscheidet selten nur im eigenen Namen. Jede Festlegung muss nach oben erklärbar bleiben, nach unten tragbar, zur Seite anschlussfähig.

 

Sorgfalt dient deshalb nicht nur der Absicherung. Sie dient der Tragfähigkeit. Eine Entscheidung, die niemand versteht, niemand übersetzen kann und niemand mitträgt, ist noch nicht wirklich entschieden, selbst wenn sie formal getroffen wurde. Denn wie oben entschieden wird, prägt, was unten als entscheidungsreif gilt.

 

Die Schwierigkeit entsteht woanders. Sie entsteht dort, wo Sorgfalt aufhört, der Entscheidung zu dienen, und anfängt, den Entscheider zu schützen. Dieser Übergang ist oft unauffällig. Er geschieht in kleinen Schritten, die einzeln betrachtet immer noch vernünftig aussehen.

 

Wann aus Klären ein Verschieben wird

 

Der erste Hinweis steckt meistens in den Fragen, die man stellt. Eine Frage, die klärt, hat eine Antwort, die für die Entscheidung einen Unterschied macht. Eine Frage, die verschiebt, hat eine Antwort, die nichts ändern wird, dem Fragenden aber das Gefühl gibt, noch etwas getan zu haben.

 

Wer sich das ehrlich ansieht, entdeckt in fast jedem langen Entscheidungsprozess einen Moment, an dem die Fragen ihren Charakter wechseln. Erst ging es um Klärung. Dann geht es um Beruhigung. Aus der Entscheidungsarbeit wird ein Verschiebebahnhof.

 

Der zweite Hinweis liegt im Unbehagen, das sich meldet, wenn man an die Entscheidung denkt. Wenn dieses Unbehagen durch mehr Information kleiner wird, klärt man tatsächlich. Wenn es gleich bleibt, obwohl die Information zunimmt, hängt es nicht mehr an der Sache. Es hängt daran, dass man entscheiden muss, ohne zu wissen, wie es ausgehen wird. Gegen dieses Unbehagen hilft keine weitere Datenreihe. Es lässt sich nur tragen.

 

Dass man es trotzdem versucht, ist ein Reflex. Die Rolle belohnt Begründbarkeit. Sie straft sichtbare Unsicherheit ab. Wer gelernt hat, dass Entscheidungen verteidigt werden müssen, lernt leicht, sie erst dann zu treffen, wenn die Verteidigung steht. Das ist professionell, solange es der Sache dient. Es wird zur Falle, wenn die Verteidigung wichtiger wird als die Entscheidung selbst.

 

Nicht jede Entscheidung verdient dabei dieselbe Sorgfalt. Eine irreversible Festlegung, die Ressourcen bindet, Menschen betrifft oder große Außenwirkung hat, verlangt eine andere Tiefe als eine Entscheidung, die korrigierbar ist und durch Ausprobieren klüger wird. Wer beides gleich behandelt, nennt es Gründlichkeit und verliert Beweglichkeit.

 

Die Kosten, die man sich nicht ausrechnet

 

Was in diesem Modus verloren geht, steht in keiner Vorlage. Es zeigt sich als langsames Auseinanderdriften zwischen dem, was die Organisation braucht, und dem, was sie bekommt.

 

Das Team gewöhnt sich an eine bestimmte Erwartung: Es wird erst gehandelt, wenn alles ausreichend abgesichert ist. Da dieser Zustand selten eintritt, verschieben sich die Energien. Man produziert nicht mehr primär Entscheidungen, sondern Papiere, mit denen sich Entscheidungen rechtfertigen lassen, falls sie später angefochten werden. Das Gespräch über die Sache wird ersetzt durch die Dokumentation über sie. Der Moment des Entschlusses wird verpasst.

 

Gleichzeitig passiert innerlich etwas, das selten mitgerechnet wird. Je länger sich eine Entscheidung hinzieht, desto stärker wächst die Erwartung, sie müsse am Ende besonders richtig sein. Eine Entscheidung, die nach drei Wochen Vorbereitung fällt, muss richtiger sein als eine, die nach einer Woche fällt. Muss sie nicht. Aber das Gefühl sagt es. Und weil es das sagt, wird die nächste Entscheidung noch zögerlicher getroffen als die vorige. So entsteht eine stille Schleife, die irgendwann als Stil erscheint.

 

Entschlossenheit ist nicht Eile

 

Entschlossenheit ist nicht das Gegenteil von Sorgfalt. Sie ist die Fähigkeit, den Moment zu erkennen, in dem weiteres Klären weniger Wert schafft als die Festlegung selbst.

 

Manchmal ist rechtzeitiges Entscheiden die passende Antwort auf die Situation. In Krisen, in denen jede Verzögerung den Schaden vergrößert. Bei Marktchancen, die in Tagen vergehen. Bei Personalentscheidungen, in denen ein nicht mehr haltbarer Zustand die Mannschaft länger lähmt, als das Zögern dauert. In Verhandlungen, in denen Offenhalten nicht als Gründlichkeit gelesen wird, sondern als Schwäche.

 

In solchen Lagen leistet Entschlossenheit etwas, das Sorgfalt nicht ersetzen kann. Sie gibt dem Team Orientierung. Eine knappe Entscheidung schafft Ausrichtung, die weiteres Sondieren nicht schafft. Auch dann, wenn die Entscheidung später korrigiert werden muss. Sie zeigt zudem, dass jemand bereit ist, das Risiko der Festlegung zu tragen. Das ist ein Vertrauenssignal.

 

Auch hier gibt es eine Anreizstruktur. Wer schnell und klar entscheidet, gilt als Macher. Das ist karriereförderlich, selbst wenn die einzelne Entscheidung später nicht optimal war. Während Sorgfalt Begründbarkeit belohnt, belohnt Entschlossenheit Sichtbarkeit: jemand übernimmt, legt fest, geht voran. Beide Anreizstrukturen wirken nebeneinander. Welche im Einzelfall stärker zieht, hängt von Organisation, Situation und Person ab.

 

Wo Entschlossenheit zu Vermeidung wird

 

Es gibt Führungskräfte, für die Entschlossenheit zur Identität geworden ist. Sie entscheiden schnell, oft aus dem Stand, und halten das für ein Merkmal ihrer Souveränität. Oft trifft das zu. Aber manchmal ist die Schnelligkeit kein Ausdruck von Urteilskraft, sondern ein Ausweg. Sie verhindert, dass das Unbehagen überhaupt Raum bekommt.

 

Wer schnell entscheidet, muss nicht lange aushalten, dass etwas offen ist. Er muss sich nicht von Einwänden verändern lassen. Er muss nicht erleben, dass zwei gute Argumente gegeneinanderstehen und keines das andere vollständig schlägt. Schnelligkeit beendet dann nicht nur die Unsicherheit. Sie beendet auch die Zumutung, sich ihr auszusetzen.

 

Diese Variante sieht nach Führungsstärke aus. In Wahrheit hat sie dieselbe Wurzel wie die Absicherungsstarre. Beide versuchen, Ungewissheit zu umgehen, nur an entgegengesetzten Enden. Die eine verschiebt den Moment, bis alles geklärt ist, was nicht geklärt werden kann. Die andere überspringt ihn, bevor er beschwerlich wird.

 

Keine der beiden trifft das, worum es geht.

 

Wenn entschieden wird und etwas offen bleibt

 

Zwischen diesen Polen wird sorgfältig gearbeitet, bis die Sorgfalt ihren Zweck erfüllt hat. Dann wird entschieden, obwohl ein Teil offen bleibt. Nicht weil schlecht gearbeitet wurde. Nicht weil man es eilig hätte. Sondern weil die Situation nicht mehr hergibt und die Entscheidung trotzdem gebraucht wird.

 

Sorgfalt ist erschöpft, wenn die nächste Information die Entscheidung nicht mehr verändern würde, sondern nur noch das Gefühl verbessern soll, entscheiden zu dürfen.

 

Was hier geleistet wird, ist eher unscheinbar. Man trägt den ungeklärten Rest, ohne ihn zu verstecken. Man entscheidet, ohne sich vorher vollständig beruhigt zu haben. Und man lebt ohne die Gewissheit, man hätte es nicht besser machen können.

 

Diese Gewissheit gibt es auf dieser Ebene selten. Man hätte es fast immer anders machen können, und manchmal zeigt sich später, dass eine andere Entscheidung besser gewesen wäre. Das gehört zu der Form von Verantwortung, die mit solchen Positionen verbunden ist. 

 

Wer diesen Ort findet, trifft vermutlich nicht mehr Entscheidungen als vorher. Aber die Entscheidungen, die er trifft, tragen anders. Nicht weil sie sicherer wären. Sondern weil jemand sie getroffen hat, der wusste, dass es hier nicht auf Sicherheit ankam.

 

 

Drei Stellen, an denen es erkennbar wird

  • Wenn Sie bei einer aktuellen Entscheidung die nächste Nachfrage formulieren, halten Sie kurz inne. Wird die Antwort die Entscheidung verändern, oder wird sie nur den Moment des Entscheidens verschieben? Die Antwort darauf kommt meist schneller, als einem lieb ist.

  • Bei welcher Ihrer letzten schwierigen Entscheidungen haben Sie den ungeklärten Rest wirklich stehen lassen, und bei welcher haben Sie ihn hinter zusätzlicher Dokumentation versteckt? Und in die Gegenrichtung: Bei welcher schnellen Entscheidung wissen Sie heute, dass Sie eigentlich noch unsicher waren, aber das schnelle Entscheiden den Moment des Aushaltens umgangen hat?

  • Wenn Sie sich vorstellen, eine Ihrer letzten Entscheidungen wäre schiefgegangen: Was genau hätten Sie im Nachhinein anders gemacht? Wenn die Antwort nur lautet „mehr Daten“, war das Problem wahrscheinlich nicht die Datenlage. Es war die Tatsache, dass Sie entscheiden mussten, ohne zu wissen, wie es ausgeht.


Entscheiden zu können, ohne die Gewissheit zu haben, dass es gut ausgeht – das ist auf dieser Ebene die Regel, nicht die Ausnahme. Das Gefühl der Unsicherheit verschwindet dabei nicht. Es hört nur auf, als Einwand gegen die eigene Eignung zu gelten. 

 


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Dr. Christof Domrös
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