Leadership Impulse – Spannungsfelder der zweiten Führungsebene

„Nimm die Leute, wie sie sind!" – Eigenschaft oder Beziehung?

 

Ein Mitarbeiter gilt bei Ihnen als anstrengend: passiv, defensiv, schwer erreichbar. Eine Kollegin beschreibt dieselbe Person als offen und unkompliziert. Der erste Reflex ist, einer von beiden müsse sich täuschen. Aber meistens täuscht sich keiner. Beide beschreiben zutreffend, nur eben nicht die Person, sondern das, was zwischen ihnen und der Person entsteht.

 

 

„Nimm die Leute, wie sie sind" klingt nach Reife. Erwarte nicht, dass Menschen sich ändern. Der Satz steht und fällt mit dem kleinen Wort „sind". Es verspricht ein festes Wie-jemand-ist, unabhängig davon, wer ihm gegenübersteht. Doch wie jemand sich zeigt, hängt auch davon ab, mit wem er es zu tun hat: ob er mit Interesse oder Vorbehalt rechnen muss, ob ihm zugehört wird oder zugesetzt, ob die Geschichte zwischen den beiden von Vertrauen oder von Reibung geprägt ist.

 

„Schwierig" ist kein Merkmal, das er morgens in den Rucksack packt und überallhin mitnimmt. Es ist eine Beschreibung dessen, was sich in einer bestimmten Konstellation einstellt. An dieser Konstellation ist der Beschreibende beteiligt. Ob er das will oder nicht.

 

Der Satz „der ist eben so" tut deshalb etwas Bemerkenswertes. Er beschreibt eine Beziehung und lässt die eigene Hälfte weg. Er verlegt das ganze Geschehen in den anderen und nimmt den Sprecher selbst aus dem Bild, als stünde er außerhalb dessen, was er gerade beschreibt. Das ist nicht folgenlos. Denn es übersieht, wo mehr möglich wäre.

 

Solange es eine Eigenschaft ist, gibt es nichts zu tun

 

An einer Eigenschaft lässt sich nichts machen; sie gehört zu dem anderen, und der wird sich für einen nicht ändern. Wer „schwierig ist", kann nur ertragen werden. Oder man will ihn lieber loswerden. Genau das meint „nimm ihn, wie er ist". Hinnehmen als die einzige realistische Option. So die eine Sicht.

 

Sobald man es so betrachtet, dass derselbe Mensch „mit mir schwierig" ist, zeigt sich eine andere Option. An einer Konstellation, an der man beteiligt ist, kann man arbeiten, nicht indem man den anderen zu ändern versucht, sondern indem man versucht, etwas an sich selbst und seiner Interaktion mit ihm zu ändern: anders zuhört, anders fragt. Manchmal genügt ein verändertes Verhalten auf der einen Seite, damit die andere anders antwortet. Nicht immer, und genau darin liegt die Grenze dieser Perspektive. Aber die Möglichkeit existiert überhaupt erst, sobald man sich selbst mit ins Bild nimmt.

 

Aber auch diese Perspektive kann kippen. Dann wird aus Beteiligung eine Überzuständigkeit. Wer jedes Verhalten des anderen als Antwort auf das eigene Auftreten liest, macht sich für eine Beziehung verantwortlich, die zwei Seiten hat. Dann wird Selbstkorrektur zur Daueraufgabe, und der andere bleibt merkwürdig entlastet.

 

Und hier liegt mehr als ein Werkzeug zur Handhabung schwieriger Leute. Wer einen als verschlossen geltenden Menschen erlebt hat, der sich, weil sich die Konstellation änderte, allmählich öffnet, weiß: Das ist einer der Orte, an denen Führung nicht nur Resultate erzeugt, sondern Arbeitsbeziehungen verändert — nicht als Selbstzweck, sondern weil dadurch mehr möglich wird.

 

Wann der Imperativ trotzdem recht hat

 

Das heißt nicht, dass an jeder schwierigen Beziehung der zu arbeiten hätte, der führt. Führung beginnt nicht bei null. Sie trifft auf Gewohnheiten, Grenzen und Eigenarten, die nicht beliebig verfügbar sind.

 

Die Perspektive auf die Beziehung leugnet sie nicht; sie sagt nur, dass sich erst in der Konstellation entscheidet, was davon zum Problem wird und was nicht. Und es gibt sehr wohl Situationen, in denen Hinnehmen das Klügste ist: wenn die Energie woanders gebraucht wird, wenn man ehrlich erkennt, dass man selbst gerade nicht die Ruhe hat, den eigenen Beitrag zu verändern.

 

„Nimm ihn, wie er ist" ist dann eine vernünftige Grenzziehung. Denn es ist eine situative Entscheidung: „diese Beziehung lasse ich, wie sie ist". Es bleibt dann möglich, diese später zu revidieren. Eine Tatsache daraus zu machen lässt einen hingegen für immer glauben, es gäbe nichts zu revidieren.

 

Die ehrliche Selbstprüfung ist deshalb nicht die Frage „bin ich schuld, dass er schwierig ist". Das wäre nur die Eigenschaft umgedreht und auf einen selbst bezogen. Was man sich besser fragt, ist weniger anklagend und öffnet ein Feld.

 

 

Drei Fragen für die Situation

  • Mit wem kommt dieser Mensch, der für Sie schwierig ist, gut aus, und was tut dieser jemand in der anderen Begegnung?
  • Was an Ihrem eigenen Verhalten stabilisiert möglicherweise genau die Reaktion, über die Sie sich ärgern?
  • Wo wäre es klug, an der Beziehung zu arbeiten — und wo wäre es ehrlicher, eine Grenze anzuerkennen, die sich gerade nicht verändern lässt?

 

 

 „Nimm die Leute, wie sie sind" schützt vor der Anmaßung, andere umbauen zu wollen. Es lässt etwas liegen, wenn es „wie sie sind" für etwas hält, das in der Person liegt statt zwischen den Menschen. Wer das sieht, muss niemanden ändern — und entdeckt trotzdem, dass sich zwischen zwei Menschen manches bewegen lässt, ohne so zu tun, als sei alles veränderbar.


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Dr. Christof Domrös
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