Leadership Impulse – Spannungsfelder der zweiten Führungsebene

„Mach es möglich!" – Ausführung oder Gestaltung?

 

„Die Entscheidung ist gefallen. Jetzt machen Sie es möglich." Der Satz fällt auf der zweiten Führungsebene regelmäßig. Er kommt vom Vorstand, von der Geschäftsführung und er sagt mehr über die Lage dieser Position als jede Stellenbeschreibung. Er setzt voraus, dass die Diskussionsphase abgeschlossen ist und dass die Führungskraft jetzt versteht, was von ihr erwartet wird: nicht mehr beraten, sondern liefern.

 

Was der Satz nicht sagt, ist, was zwischen „die Entscheidung ist gefallen" und „es ist umgesetzt" tatsächlich passiert. Genau in diesem Zwischenraum liegt die eigentliche Arbeit der zweiten Ebene – eine Arbeit, die von oben selten gesehen und von unten selten gewürdigt wird. Und so haben beide einen Namen bekommen: Lähmschicht und Durchlauferhitzer.

 

Lähmschicht und Durchlauferhitzer sind keine Karikaturen

 

Aus der Perspektive des Vorstands ist die zweite Ebene ein Umsetzungsinstrument. Wer Strategieentscheidungen schnell und reibungslos in operative Realität verwandelt, gilt als leistungsfähig. Wer Einwände erhebt, nachdem die Entscheidung gefallen ist, gilt als schwierig. Wer die Umsetzung verzögert, weil er noch Fragen hat, bestätigt das Bild der Lähmschicht – jener mittleren Ebene, die zwischen Vorstandsvision und operativer Umsetzung sitzt und angeblich beides bremst.

 

Dieses Bild spiegelt eine Frustration. Es gibt Führungskräfte, die sich hinter Bedenken verstecken, um nicht umsetzen zu müssen, was ihnen nicht passt. Die den Beratungsmodus nicht verlassen können, wenn die Zeit dafür vorbei ist. Die jede Vorgabe erst so lange durch eigene Filter laufen lassen, bis von der ursprünglichen Entscheidung nichts mehr übrig ist. Die Ungeduld des Vorstands hat manchmal reale Gründe.

 

Aus der Perspektive der Teams ist die zweite Ebene etwas ganz anderes. Sie ist der Schutzschild – die Stelle, die Vorstandsentscheidungen in die Sprache des Bereichs übersetzt, unrealistische Zeitpläne abfängt, dafür sorgt, dass Mitarbeiter nicht jede Woche eine neue strategische Richtung absorbieren müssen. Wer hier einfach nur weiterreicht, was von oben kommt, ohne anzupassen, ohne die Machbarkeit zu sichern, gilt von unten als Durchlauferhitzer. Er erzeugt Hektik, ohne Orientierung zu geben. Er delegiert den Druck, den er selbst von oben bekommt, nach unten, statt ihn zu verarbeiten. Die Teams spüren das; und sie ziehen ihre Schlüsse – meist in Form von schwindendem Vertrauen.

 

Es gibt Führungskräfte, die jede Vorstandsvorgabe eins zu eins weiterleiten, um sich nicht angreifbar zu machen, oder weil sie den Druck von oben selbst nicht aushalten. Die Enttäuschung der Teams hat manchmal ebenso reale Gründe.

 

Wer gut vermittelt bleibt oft unsichtbar

 

Die zweite Ebene sitzt genau zwischen diesen beiden Erwartungen. Das ist keine Schwäche der Position. Das ist ihre Rolle.

 

Wer hier arbeitet, hat den Auftrag, Entscheidungen umzusetzen, die er nicht getroffen hat – manchmal solche, die er für falsch hält. Er hat gleichzeitig den Auftrag, seinen Bereich vor Schaden zu bewahren – auch vor dem Schaden, den eine Vorstandsentscheidung anrichten kann, wenn sie ohne Anpassung auf die operative Ebene trifft. Zwischen diesen beiden Aufträgen gibt es keinen bequemen Mittelweg. Es gibt nur Einzelentscheidungen, die jedes Mal neu zu treffen sind: Wo setze ich eins zu eins um? Wo passe ich an, weil ich die Realität des Bereichs kenne? Wo ziehe ich die Bremse, weil die Vorgabe in dieser Form jetzt Schaden anrichten würde?

 

Was die zweite Ebene von einem reinen Umsetzungsinstrument unterscheidet, ist die Anpassungsarbeit, die in diesem Zwischenraum stattfindet. Eine Vorstandsentscheidung in ihrer Rohform richtet auf der operativen Ebene oft nicht unbedingt Schaden an, weil sie an sich falsch wäre, sondern weil sie aus einer Perspektive getroffen wurde, die die realen Bedingungen nicht kennt, auf die sie treffen wird. Die zweite Ebene kennt diese. Sie weiß, welche Abteilung gerade überlastet ist, welcher Prozess nicht so funktioniert, wie die Vorlage es annimmt, welche Mitarbeiter ein Veränderungsprojekt tragen können und welche nicht. Dieses Wissen in die Umsetzung einzubauen – die Entscheidung in der Sache mitzutragen, aber ihre Form an die jeweilige Realität anzupassen –, ist die eigentliche Führungsleistung dieser Position.

 

Sie ist von oben schwer zu sehen, weil sie unsichtbar wird, wenn sie gut gemacht wird. Man sieht nur, dass es läuft. Man sieht nicht, was die Bereichsleitung im Hintergrund verändert hat, damit es doch laufen konnte.

 

Auch wer durchreicht hat manchmal recht

 

Die Vermittlungsposition kostet Energie, und sie kippt unter Belastung in eine der beiden Schieflagen. Welche, hängt von zwei Arten von Gründen ab, die meistens zusammenwirken und schwer auseinanderzuhalten sind.

 

Die erste Sorte sind innere Gewohnheiten. Wer zum Durchlauferhitzer wird, hat oft eine Loyalität nach oben, die früh gelernt wurde – Widerspruch gegen Autorität war biografisch teuer, und das Durchreichen entlastet von der eigenen Position dazu. Wer zur Lähmschicht wird, hat oft eine Identifikation mit dem Bereich, die ihn als Schutzschild definiert – die eigene Wirksamkeit hängt am direkten Schutz der Mitarbeiter, und der Bremsreflex bestätigt, dass man gebraucht wird. Beide vertrauten Muster lösen die Spannung der Position, indem sie sich mit einer Seite identifizieren.

 

Die zweite Sorte sind reale Anreizstrukturen, und sie sind oft die größeren. Wenn der eigene Vorstandschef bekanntlich keinen Widerspruch erträgt, wenn die letzte Bereichsleiterin, die nach oben Bedenken angemeldet hat, drei Monate später nicht mehr im Unternehmen war, wenn Boni an Umsetzungsgeschwindigkeit gebunden sind und nicht an Umsetzungsqualität – dann ist das Durchreichen keine biografische Schwäche, sondern kann eine rationale Reaktion auf die Bedingungen sein. Umgekehrt: Wenn der eigene Bereich gerade aus einer Restrukturierung kommt, wenn Mitarbeiter offen gekündigt haben, weil sie die letzte Welle nicht mehr aushielten, wenn das eigene Ansehen bei den Teams an genau dieser Schutzleistung hängt – dann ist Bremsen keine Identifikation, sondern Verteidigung dessen, was an Vertrauen noch da ist.

 

Diese beiden Sorten Gründe wirken in der Praxis selten getrennt. Eine biografische Vorsicht gegenüber Autorität trifft auf einen Vorstandschef, der wirklich keinen Widerspruch erträgt – und beides verstärkt sich. Eine Helfer-Identität trifft auf einen Bereich, in dem die Mitarbeiter wirklich erschöpft sind – und beides verstärkt sich. Was als reale Bedingung erscheint, ist oft auch eine biografische Bestätigung; was als biografisches Muster erscheint, ist oft auch durch reale Bedingungen verstärkt. Diese Mischung sauber auseinanderzuhalten, ist die schwierigere Form der Selbstbeobachtung, die diese Position verlangt.

 

Die Frage ist nicht, ob das Durchreichen oder das Bremsen unter den gegebenen Bedingungen die passende Wahl ist. In manchen Situationen ist es das. Die Frage ist, ob die Person, die so handelt, weiß, dass sie es tut, und unter welchen Bedingungen sie es tut. Wer durchreicht und glaubt, er gestalte, hat die Position verloren. Wer durchreicht, weil er es so sieht, dass er unter den aktuellen Bedingungen sinnvollerweise so handeln sollte, hat sie noch.

 

Einer Seite bleibt man immer etwas schuldig

 

Die Arbeit zwischen den beiden Erwartungen bedeutet eine Belastung, die niemand ganz gut wegsteckt. Wer dauerhaft vermittelt, trägt eine Spannung, die sich auf keiner Seite vollständig auflösen lässt. Er bleibt einer Seite immer etwas schuldig – dem Vorstand das, was die reale Situation nicht hergibt; dem Team das, was die Strategie verlangt. Er kann das gut machen, sehr gut sogar, aber er kommt in der Regel nicht in einen Zustand, in dem alle zufrieden sind.

 

Dieses permanente irgendjemand etwas schuldig zu bleiben hat einen Preis. Es ist das frustrierende Erleben, dass jede Lösung ein Kompromiss bleibt, dass die eigene Anpassungsarbeit von oben unsichtbar ist und von unten nicht als Anpassungsarbeit, sondern als Selbstverständlichkeit erlebt wird. Wer auf dieser Position lange genug sitzt, lernt sich darin einzurichten. Viele entwickeln daraus den Reflex, ganz oder überwiegend auf eine der beiden Seite zu gehen – und merken das irgendwann nicht mehr.

 

Das ist der Grund, warum Souveränität in der Vermittlungsposition nicht nur Können verlangt, sondern Selbstbeobachtung. Wer nicht regelmäßig prüft, auf welcher Seite er gerade steht und warum, wird die schleichende Identifikation mit einer Seite nicht bemerken.

 

Drei Situationen, in denen sich der Unterschied zeigt

  • Denken Sie an die letzte Vorstandsentscheidung, die Sie umgesetzt haben. Was haben Sie zwischen der Entscheidung und der Umsetzung verändert? Wenn die Antwort „nichts" lautet, ist die nächste Frage: War das, weil die Entscheidung passgenau war – oder weil Sie den Aufwand der Anpassung gescheut haben, oder weil die Anpassung nach oben politisch zu teuer gewesen wäre? Die drei Antworten unterscheiden sich, und der Unterschied ist die Diagnose.

  • Wenn Sie ehrlich sind: Auf welcher Seite sehen Sie sich aktuell eher? Würden Ihre Mitarbeiter sagen, dass Sie gerade eher Vorstandsbotschafterin sind, oder dass Sie gerade eher Bereichsanwältin sind? Ist das eine bewusste Wahl gewesen, oder eine, die sich über die letzten Monate ergeben hat, ohne dass Sie sie getroffen hätten?

  • Gibt es einen Auftrag, den Sie gerade umsetzen und von dem Sie wissen, dass es in dieser Form nicht funktionieren wird? Wenn ja: Haben Sie das nach oben kommuniziert? Wenn nein: Liegt es daran, dass Sie keine Gelegenheit hatten – oder daran, dass die Kommunikation nach oben unbequemer wäre als das Weitertragen? Und falls Letzteres: Was müsste an der Beziehung nach oben anders sein, damit dieser Satz dort gesagt werden kann?


Wer in dieser Position arbeitet, bleibt immer einer Seite etwas schuldig – das lässt sich nicht auflösen, nur führen. Der Unterschied liegt nicht darin, ob man schuldig bleibt, sondern ob man weiß, welcher Seite gerade und warum. Wer das an sich verfolgt, hat die Wahl, die der Position vorher abgenommen schien.

 


Kontakt

Dr. Christof Domrös
Managementberatung

Flemingstr. 4

22299 Hamburg

+49 40 39 89 44 40

[email protected]


DBVC - Zertifizierter Senior Coach
IOBC - Zertifizierter Senior Coach
DGTA - Zertifizierter TA-Berater

Coach DB Logo