Leadership Impulse – Spannungsfelder der zweiten Führungsebene

„Gib mehr Feedback!" – Bewertung oder Beobachtung?

 

Was in vielen Organisationen als Feedbackkultur läuft, verwechselt Bewertung mit Beobachtung – und erzeugt damit weder Orientierung noch Entwicklung, sondern Anpassung.

 

 

Es gibt ein Ritual, das in den meisten Organisationen einmal im Jahr stattfindet und das beide Seiten mit einer Mischung aus Pflichtbewusstsein und leisem Unbehagen absolvieren. Das Jahresgespräch. Die Führungskraft hat sich vorbereitet, sie hat sich Notizen gemacht, sie hat die beliebte Methode im Kopf: erst etwas Positives, dann die Kritik, dann wieder etwas Positives. Der Mitarbeiter sitzt gegenüber und wartet auf die mittlere Schicht, weil er weiß, dass dort die eigentliche Botschaft liegt. Beide spielen ihre Rolle. Am Ende unterschreiben beide ein Formular. Ob sich danach etwas verändert hat, ist eine offene Frage, die selten gestellt wird.

 

Diese Szene ist auf der zweiten Ebene verbreitet genug, um sie als normal zu empfinden. Das ist Teil des Problems. Normal ist noch nicht nützlich.

 

 

Manchmal ist klare Bewertung das Notwendige

 

Manchmal ist eine klare Bewertung genau das, was gebraucht wird. Wenn ein Mitarbeiter eine Aufgabe nicht auf dem nötigen Niveau erledigt, muss das jemand aussprechen – sachlich und ohne Verkleidung. Wenn eine Teamleiterin in einer Präsentation wesentliche Punkte verfehlt hat, braucht sie die Information, dass das so war: Das hat nicht gereicht. Hier ist der Maßstab. Hier war die Abweichung.

 

Wer diese Bewertung scheut, weil er Harmonie bewahren will oder weil er gehört hat, man solle nicht bewerten, tut dem Mitarbeiter keinen Gefallen. Er lässt ihn in einer Unklarheit, die anstrengender ist als jede klare Rückmeldung. Der Mitarbeiter spürt, dass etwas nicht stimmt, aber er bekommt die Information nicht, mit der er etwas ändern könnte. Eine vermiedene Bewertung verlagert die Last vom Geber auf den Empfänger und nennt das Rücksicht.

 

Es gibt Situationen, in denen Bewertung nicht eine Option unter mehreren ist, sondern die einzige sachgerechte Form. Beurteilungen am Ende einer Probezeit, Entscheidungen über die Verlängerung einer Befristung, Abmahnungen, Zielvereinbarungen mit Bonus-Wirkung – all das sind Situationen, in denen die Organisation und der Mitarbeiter eine Bewertung brauchen, keine Beschreibung. Wer hier in den Beobachtungs-Modus wechselt, um die Härte zu vermeiden, leistet keinen Dienst, sondern verschleiert. Der Mitarbeiter hat ein Recht darauf zu wissen, wie sein Beitrag eingeschätzt wird – nicht erst, wenn die Konsequenz schon eingetreten ist.

 

Auf der zweiten Ebene gehört das Bewerten ohnehin zur Rolle, auch jenseits der formalen Anlässe: über Leistung, über Kompetenz, über die Frage, ob jemand in einer Position richtig ist und ob er für eine weitere Karriere geeignet ist. Diese Bewertungen sind manchmal nicht angenehm, aber sie sind notwendig. Sie verlieren an Wirksamkeit, wenn sie in so viel Verpackung eingewickelt werden, dass der Empfänger nicht mehr erkennen kann, was gemeint war.

 

Wo Feedback aufhört, dem anderen zu dienen

 

Wo der Boden sich verschiebt, merkt man selten sofort. Es geschieht dort, wo die Bewertung die einzige Form wird, in der Rückmeldung gegeben wird – auch in Situationen, in denen sie weder gefordert noch nützlich ist.

 

Wenn jemand hört „Sie waren zu zurückhaltend“, bekommt er eine Zuschreibung. Eine Eigenschaft wird ihm zugeordnet – „zurückhaltend“ –, und diese Eigenschaft wird bewertet – „zu“. Was er nicht bekommt, ist eine Information darüber, was tatsächlich passiert ist. In welchem Moment war er zurückhaltend, was hat das im Meeting ausgelöst, was hätte die Situation an dieser Stelle gebraucht? Ohne diese Informationen kann der Mitarbeiter mit der Bewertung wenig anfangen. Er kann sie annehmen und beim nächsten Mal lauter auftreten – aber ob das die Sache besser macht, ist offen. Er kann sie ablehnen und denken, die Chefin habe ihn falsch gelesen – aber dann ändert sich nichts. Oder er kann sie schlucken und sich ärgern, was die häufigste Variante ist und die unproduktivste.

 

In allen drei Fällen fehlt der Kontakt zwischen den beiden Seiten. Die Bewertung erzeugt eine Richtung – mehr, weniger, anders. Aber sie erzeugt kein Verständnis dafür, wozu. Sie sagt dem Mitarbeiter, wie er sein soll, aber nicht, was angekommen ist.

 

Hier liegt der Punkt, an dem die Bewertung aufhört, dem Mitarbeiter zu dienen. Sie erledigt dann nämlich vor allem etwas für den, der sie ausspricht: Sie hält den anderen auf Abstand. Ein Urteil über jemanden zu fällen, verlangt nicht, sich auf ihn einzulassen, sondern nur, ihn einzuordnen. Wer bewertet, bleibt in der sicheren Position dessen, der von außen schaut und das Urteil spricht; er muss seine eigene Wahrnehmung nicht offenlegen und sich mit ihr nicht angreifbar machen.

 

Beobachtung ist nicht die freundlichere Form, sondern die genauere – und sie hat ihren eigenen Preis

 

Eine Bewertung sagt: „Sie waren zu zurückhaltend.“ Eine Beobachtung sagt: „In dem Moment, als die Diskussion kippte, habe ich auf einen Beitrag von Ihnen gewartet, und er kam nicht. Danach hat der Kollege aus dem Nachbarbereich das Thema übernommen, und wir hatten es nicht mehr in der Hand.“ Beide Sätze beschreiben dieselbe Situation. Der erste ordnet eine Eigenschaft zu. Der zweite beschreibt, was geschehen ist.

 

Der Unterschied liegt darin, was der Empfänger damit tun kann. Gegen eine Zuschreibung kann man sich nur wehren oder sie hinnehmen, und beides ist unproduktiv. Gegen eine Beobachtung kann man sich nicht wehren, weil sie keine Behauptung über die Person enthält, sondern eine Information über die Situation. Sie sagt nicht: Sie sind so. Sie sagt: Das ist passiert. Was der Mitarbeiter daraus macht, ist seine Sache – aber er hat Material, mit dem er arbeiten kann. Eine Nebenwirkung, die in der Bewertungslogik fehlt, kommt dazu: Es zeigt dem Mitarbeiter, dass die Führungskraft genau hingesehen hat. Nicht pauschale Einordnung, sondern konkrete Wahrnehmung. Das ist eine Form von Aufmerksamkeit, auf die Menschen reagieren – nicht weil sie nett ist, sondern weil sie ernst meint, was sie sagt.

 

Und hier liegt der Preis, der das Beobachten so viel schwerer macht als das Bewerten: Es verlangt, dass man hingesehen hat, und es legt offen, wie man gesehen hat. Wer beschreibt, statt zu urteilen, gibt seine eigene Wahrnehmung preis und macht sie verhandelbar – der andere kann sagen „so war das nicht“. Bewerten schützt vor diesem Moment, Beobachten setzt sich ihm aus. Das ist der eigentliche Grund, warum die genauere Form auch die unbequemere ist.

 

So weit das Plädoyer für die Beobachtung. Es hat allerdings drei Lücken, die in der gängigen Erzählung über „bessere Feedbackkultur“ fast nie auftauchen.

 

Die erste: Beobachtung kann zum Versteck werden. Wer immer nur beschreibt, was er gesehen hat, und nie sagt, ob das ausreicht oder nicht, hinterlässt den Mitarbeiter in einer anderen Form von Unklarheit. Der Mitarbeiter weiß jetzt, was der Chef wahrgenommen hat – aber er weiß nicht unbedingt, ob das ein Problem ist. Manche Führungskräfte ziehen sich genau dahin zurück, weil die Beobachtung sie aus der Pflicht entlässt, ein Urteil auszusprechen.

 

Die zweite: Beobachtung kann zur getarnten Bewertung werden. Der Empfänger spürt sehr genau, dass hinter der Beschreibung ein Urteil steht – aber er kann es nicht verhandeln, weil es nicht ausgesprochen ist. „Ich habe gewartet, und der Beitrag kam nicht“ ist nominell eine Beobachtung. Wenn der Tonfall klar macht, dass dies das Versagen markiert, ohne dass das Wort fällt, ist die Bewertung nur in eine andere Form geschoben. Das ist nicht ehrlicher als die direkte Bewertung; es ist verdeckter.

 

Die dritte ist eine Stilfrage, aber sie schlägt in die Glaubwürdigkeit durch. Die Beobachtungs-Sprache, wenn sie zum Stil wird, kippt leicht in eine Coaching-Manier, die im Unternehmensalltag als gespreizt wahrgenommen wird. „Ich habe wahrgenommen, dass …“, „Mir ist aufgefallen …“ – wenn diese Formeln jeder Rückmeldung vorangestellt werden, beginnt der Mitarbeiter, das Verfahren zu hören und nicht mehr den Inhalt. Beobachtung als Methode ersetzt dann das, was sie eigentlich liefern sollte: das genaue Hinsehen.

 

Beides erreicht den Mitarbeiter nicht. Die Bewertung verfehlt ihn, indem sie zu schnell zuordnet, was sie nicht gesehen hat. Die Beobachtung verfehlt ihn, indem sie die Beurteilung verschiebt oder sie in der Form versteckt.

 

Warum das System die Bewertung belohnt

 

Dass die Bewertungslogik in den meisten Organisationen dominiert, hat zwei Gründe, und der zweite ist der folgenreichere.

 

Der erste ist die Mühe. Bewertungen sind schneller. „Zu zurückhaltend“ ist in zwei Sekunden gesagt; eine Beobachtung braucht eine Minute und setzt voraus, dass man die Situation genau genug verfolgt hat, um sie beschreiben zu können. Auf der zweiten Ebene, wo die Tage dicht getaktet sind und Gespräche selten so viel Raum haben, wie die Sache bräuchte, ist die Versuchung groß, bei der Bewertung zu bleiben. Sie erledigt die Sache, sie gibt eine Richtung vor, und sie hinterlässt beim Gebenden das Gefühl, etwas gesagt zu haben, das ausgesprochen werden musste.

 

Was die schnelle Bewertung beim Empfänger nicht hinterlässt, ist das Gefühl, gesehen worden zu sein. Über die Zeit, wenn sich diese Erfahrung wiederholt, entsteht in einem Bereich eine Atmosphäre der Vorhersagbarkeit. Die Mitarbeiter wissen, was erwartet wird. Sie liefern, was erwartet wird. Was sie nicht mehr tun, ist etwas, das nicht erwartet wurde – weil jede Abweichung eine Bewertung riskiert, und weil noch niemand eine Beobachtung bekommen hat, die zeigt, dass auch das Unerwartete wahrgenommen wird. Der Bereich funktioniert. Er entwickelt sich nur nicht mehr. Das ist die genauere Bedeutung des Satzes, dass die Feedbackkultur Anpassung erzeugt: Sie belohnt das Erwartbare und übersieht alles andere – nicht aus bösem Willen, sondern weil das Bewerten nur das Erwartbare überhaupt erfassen kann.

 

Der zweite Grund liegt tiefer und betrifft die Organisation als Ganze. Das jährliche Feedback-Ritual ist nicht nur ein ineffizientes Werkzeug der Entwicklung – es erfüllt eine andere Funktion sehr zuverlässig. Es belegt, dass kommuniziert wurde. Das unterschriebene Formular beweist, dass ein Gespräch stattgefunden hat, und entlastet die Organisation davon, sich mit der mühsameren Frage zu befassen, ob daraus etwas folgte. Ein System, das jeder Führungskraft eine dokumentierte Bewertung pro Jahr abverlangt, bekommt verlässlich Bewertungen – und nicht die schwer messbare, schwer dokumentierbare Beobachtung, die im Alltag zwischen zwei Terminen passieren müsste. Performance-Management, Bonus-Logik und Beurteilungspflicht ziehen alle in dieselbe Richtung. Das Ritual produziert also nicht Entwicklung, sondern Anpassung an seine eigene Form, und nennt das Feedbackkultur.

 

 

Drei Fragen an Ihr letztes Gespräch

  • Denken Sie an die letzte Rückmeldung, die Sie einem Mitarbeiter gegeben haben. War sie eine Bewertung der Person („Sie sollten strukturierter vorgehen“) oder eine Beschreibung dessen, was Sie beobachtet haben („An der Stelle im Konzept, wo es um die Zeitplanung ging, fehlte mir etwas, und ich konnte nicht erkennen, ob das Absicht war oder eine Lücke“)? Wenn Sie ehrlich hinschauen: Wie oft beschreiben Sie, was Sie gesehen haben, und wie oft ordnen Sie Eigenschaften zu?

  • Bei der letzten Bewertung, die Ihnen leicht von der Hand ging: Hatten Sie die Situation wirklich genau gesehen – oder war das schnelle Urteil auch eine Art, sich das genaue Hinsehen zu ersparen? Wovor hätte das Hinsehen Sie nicht geschützt, was das Urteil von Ihnen ferngehalten hat?

  • Erinnern Sie sich an eine Rückmeldung, die Sie selbst bekommen haben und die Sie tatsächlich verändert hat – nicht nur Ihr Verhalten, sondern Ihr Verständnis einer Situation. War das eine Bewertung oder eine Beobachtung? Die Rückmeldungen, die bleiben, sind meistens die, die etwas beschrieben haben, das man selbst nicht gesehen hatte – nicht die, die einem gesagt haben, wie man sein sollte.

Wer beobachten kann, ohne sofort zu bewerten, gibt dem Gegenüber etwas, was Bewertung nicht geben kann: eine Wahrnehmung, mit der er selbst arbeiten kann. Das verlangt, hinzusehen, wo Urteilen genügt hätte – und sich mit dem zu zeigen, was man gesehen hat. Es ist die anspruchsvollere Form, und für beide Seiten die ehrlichere.


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Dr. Christof Domrös
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